Sonntag, 26. März 2017

CETA gerade so, TTIP sicher nicht (mehr) - und weiter geht's mit "JEFTA". Neues aus der Welt der Freihandelsabkommen

Es ist nun wirklich noch nicht so lange her, dass die an sich kryptisch daherkommenden Kürzel "TTIP" und "CETA" den Raum der Experten verlassen haben und bei vielen Menschen politische (Abwehr-)Reaktionen ausgelöst haben. Der Widerstand gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU hat sogar im vergangenen Jahr zu einer der größten Demonstrationen in der jüngeren Geschichte unseres Landes geführt. Und dem CETA-Abkommen zwischen der EU und CETA wäre fast auf den letzten Metern die Luft ausgegangen, weil die Wallonen in Belgien erbitterten Widerstand geleistet und für eine kurzen Moment die Bühne der Weltgeschichte betreten haben. Und das CETA-Abkommen muss noch von allen nationalen Parlamenten in der EU ratifiziert werden. Mit dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA kann man einen Abschluss von TTIP wohl in die Nähe der Wahrscheinlichkeit der Aufnahme der Türkei in die EU in den kommenden zehn Jahren rücken. Wer aber glaubt, nun ist das Thema Freihandelsabkommen erst einmal zu den Akten gelegt, der sollte sich mit einem neuen Anlauf in der Welt der Freihandelsabkommen beschäftigen und die Bedeutung des Kürzels "JEFTA" verstehen.

Donnerstag, 23. März 2017

Wo Frauen offensichtlich günstig zu haben sind. Vergütungsunterschiede in den oberen Etagen und dann auch noch in öffentlichen Unternehmen

Erst vor wenigen Tagen wurde mal wieder berichtet über die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Anlass war wie jedes Jahr der sogenannte "Equal Pay Day" (vgl. dazu mit einigen kritischen Anmerkungen die in der Öffentlichkeit zirkulierenden Aussagen betreffend den Beitrag Wenn aus nicht falschen Zahlen falsche Ableitungen gemacht werden und die strukturellen Probleme unter die Räder der Lagerbildung kommen. Anmerkungen zum "Equal Pay Day" vom 18. März 2017). Nun kann und muss man über die zahlreichen strukturellen Faktoren diskutieren, die zu den Verdienstunterschieden zwischen Frauen und Männern führen bzw. diese stabilisieren. Aber in vielen Bereichen, zumindest dort, wo es Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung gibt, dürften die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männer nicht besonders groß sein. Vor allem nicht im öffentlichen Dienst, denn dass Angestellte oder Beamte deswegen schlechter bezahlt werden, weil sie Frauen sind, ist recht weit hergeholt. Wie immer im Leben gibt es aber ein "Aber". Und das wurde jetzt sichtbar gemacht - in öffentlichen Unternehmen und ganz oben, bei den Führungskräften dieser Unternehmen.

Montag, 20. März 2017

Der Brexit auf dem steinigen Weg zu seiner Realisierung, eine saftige Rechnung und die Möglichkeit der Zechprellerei

Viel wurde und wird spekuliert über den anstehenden Brexit, also den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Ganz offiziell haben die Briten ja immer noch nicht das Austrittsgesuch in Brüssel abgegeben, es wird demnächst aber dort erwartet. Dann beginnt die maximal zwei Jahre dauernde Verhandlung über die Modalitäten der Trennung. Und wie wir in Deutschland wissen, gehört bei einer Scheidung von Ehepaaren immer auch ein Versorgungsausgleich dazu, mit dem beispielsweise erworbene Rentenanwartschaften während der gemeinsamen Ehezeit aufgeteilt werden. Das ist in diesem Fall einer Scheidung zwischen einem Staat und einer Staatengemeinschaft nicht anders, wie wir gleich noch sehen werden.  Allerdings dominierte bislang die volkswirtschaftliche Perspektive der möglichen, wahrscheinlichen, eventuellen Auswirkungen des Austritts Großbritanniens das Diskursfeld, notwendigerweise hoch spekulativ, haben wir es hier doch mit einem Novum zu tun, bei dessen Einschätzung man kaum bis gar nicht Anliegen machen kann in der Wirtschaftsgeschichte.

Samstag, 18. März 2017

Quo vadis, Trump? Das Rätselraten geht weiter

Nun war sie also bei ihm. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihren Antrittsbesuch bei Donald Trump absolviert, nachdem der erste Anlauf vor ein paar Tagen durch einen Schneesturm in den USA verhindert wurde. Während die meisten Medien bewegt werden von der Frage, ob und warum der neue Präsident der Kanzlerin nicht die Hand geben wollte, sorgen sich viele Ökonomen um das, was auf uns zukommen wird mit der neuen Administration, wobei das so richtig (noch) keiner einschätzen kann. Und nun hat auch noch das G20-Finanzminister-Treffen in Baden-Baden stattgefunden, über das beispielsweise Daniel Böcking berichtet: Gruppentherapie mit Amerikanern. »Lange wurde dort darum gerungen, ob sich die führenden Industrie- und Schwellenländer wie in der Vergangenheit für offene Märkte und gegen Protektionismus aussprechen. Am Ende aber setzten sich die Amerikaner durch: Die Abschlusserklärung enthält lediglich das komplett vage Bekenntnis, "den Beitrag von Handel zu unseren Volkswirtschaften zu stärken". Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versuchte erst gar nicht, dies schönzureden. Man habe sich "auf Formulierungen verständigt, die in der Sache nicht viel weiterführend sind - wenn überhaupt", sagte er nach Abschluss des Treffens.«

Mittwoch, 15. März 2017

Die Türkei unter Erdogan nach Jahren des wirtschaftlichen Aufstiegs nun auf der ökonomischen Rutschbahn nach unten

Die vergangenen Wochen haben uns zeigen können, wie man Konflikte zwischen Staaten und zwischen Menschen innerhalb von Staaten eskalieren kann, wie man enorme Emotionen schüren kann, die zu weiteren Emotionen führen. Oftmals verursacht von politisch niederen, aber bekannten Motiven und Mechanismen, beispielsweise von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Darüber wurde und wird an anderer Stelle zur Genüge geschrieben. Es geht um die Türkei und die bevorstehende Volksabstimmung, mit der Erdogan seinen absolutistischen Machtanspruch zementieren lassen will. Die Verfassungsänderung hin zu einem totalitären, auf seine Person zugeschnittenes Präsidialsystem würde alle noch vorhandenen, wenn auch bedenklich baufälligen Brücken nach Europa für lange Zeit unpassierbar machen. Hier soll es um die wirtschaftliche Frage gehen, also ein kurzer Blick auf die türkische Volkswirtschaft und deren Verflechtungen mit Europa und damit auch mit Deutschland.

Montag, 13. März 2017

Vom Weltfrauentag über Makroökonomie am Herd und den Töchtern, die weniger im Haushalt mitarbeiten als früher, bis hin zum einäugigen Bruttoinlandsprodukt

Der Internationale Frauentag – auch Weltfrauentag genannt – wird inzwischen stets am 8. März gefeiert und ist für Frauen auf der ganzen Welt ein wichtiges Datum. In einigen Ländern ist er sogar gesetzlicher Feiertag.
"Heraus mit dem Frauenwahlrecht!" war die Hauptforderung der "Mütter" des Internationalen Frauentags. Auch wenn diese Zielsetzung inzwischen erreicht wurde, so ist die Gleichstellung der Geschlechter dennoch weder in Deutschland noch im Rest der Welt eine Realität, klärt uns die Landeszentrale für politische Bildung des Landes Baden-Württemberg mit einem Beitrag auf.
Rund um den nun wenige Tage zurückliegenden Weltfrauentag erschienen zahlreiche Artikel und andere Medienberichte - die vor allem um die Frage kreisen, ob und wie stark die (strukturelle) Diskriminierung der Frauen (noch) ist. Dabei spielt die Positionierung auf dem Arbeitsmarkt eine gewichtige Rolle und viele Beiträge beziehen sich auf den sogenannten "Gender Pay Gap", also die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern (vgl. hierzu ausführlicher beispielsweise die Arbeit von Christina Klenner: Gender Pay Gap - die geschlechtsspezifische Lohnlücke und ihre Ursachen. WSI Policy Brief Nr. 7, Düsseldorf 2016). Der Gender Pay Gap beschreibt den prozentualen Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst abhängig beschäftigter Männern und Frauen. Im europäischen Vergleich lag dieser Wert für Deutschland 2014 mit 21,6 Prozent in der traurigen Spitzengruppe. Wobei ein nicht geringer Teil dieses Bruttostundenverdienstunterschieds auf strukturelle Faktoren zurückzuführen ist wie beispielsweise den unterschiedlichen Teilzeitquoten der Geschlechter, der Führungskräfteanteil oder die unterschiedliche Branchenverteilung der Geschlechter. Abgebildet wird das dann in der "bereinigten Lohnlücke", die angibt, wie hoch der Gender Pay Gap ausfallen würde, wenn sich Frauen und Männer am Arbeitsmarkt hinsichtlich der ausgeübten Berufe, der Ausübung von Führungspositionen und anderer Merkmale nicht wesentlich unterscheiden würden.

Samstag, 11. März 2017

Der Euro, sein angeblich von der EZB manipulierter Wechselkurs, die Austeritätspolitik und wieder mal Griechenland

In dem Beitrag Die Notenbanker zumindest in der EZB bleiben geldpolitisch stur. Aber was machen die Notenbanker eigentlich? vom 9. März 2017 wurde bereits darauf hingewiesen, dass derzeit gerade in Deutschland zahlreiche Artikel abgeschossen werden, die angesichts der Inflationsentwicklung am aktuellen Rand endlich ein Zurückfahren der lockeren Geldpolitik der EZB fordern - allerdings gibt es dazu auch eine andere Sichtweise, beispielsweise Philipp Stachelsky in seinem Beitrag Die EZB ist noch lange nicht am Ziel. Sein Punkt: »Die Inflationsrate in der Eurozone ist auf 2% gestiegen. Damit ist die EZB jetzt wieder an einem Punkt angekommen, wo sie vor knapp sechs Jahren schon einmal stand. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihren Fehlern von damals gelernt hat – und die expansive Geldpolitik nicht erneut zu früh beendet.« Aber die EZB steht auch an einer anderen Front unter Druck, ihre Niedrigzins- und Anleihekauf-Politik zurückzufahren, beispielsweise kommen aus der neuen US-Regierung harsche Manipulations-Vorwürfe den Euro-Wechselkurs betreffend.

Donnerstag, 9. März 2017

Die Notenbanker zumindest in der EZB bleiben geldpolitisch stur. Aber was machen die Notenbanker eigentlich?

Nein, die Europäische Zentralbank will nicht weichen von ihrem geldpolitischen Kurs. »Die Europäische Zentralbank (EZB) hat erwartungsgemäß ihre Leitzinsen nicht angetastet. Der Schlüsselsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld bleibe bei 0,0 Prozent, teilten die Währungshüter am Donnerstag in Frankfurt mit. Auf diesem Rekordtief liegt er bereits seit März 2016. Auch die Strafzinsen für Banken, wenn diese über Nacht überschüssige Liquidität bei der EZB parken, wurden nicht angetastet. Der sogenannte Einlagensatz bleibt bei minus 0,4 Prozent«, so das Handelsblatt unter der Überschrift Draghi bleibt trotz Kritik bei Nullzinspolitik. In Deutschland wird das von nicht wenigen kritisiert. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer, hat die Europäische Zentralbank dazu aufgefordert, von ihrer "ultralockeren Geldpolitik" abzurücken, kann man einem Interview des Deutschlandfunks mit ihm entnehmen ("Es wäre wichtig, dass die EZB den Einstieg in den Ausstieg beginnt"). Philip Plickert sieht Draghi und die EZB Gefangen im Nullzins. Nach Plickert »wäre es überfällig, wenigstens die Strategie für den Ausstieg vorzubereiten. Sonst wird die EZB zum Gefangenen ihrer Geldpolitik, denn sie hat Zombiebanken und Schuldenstaaten davon abhängig gemacht.« Immer wieder werden wir konfrontiert mit dem Hinweis auf die doch wieder gestiegene Inflation. Aber das kann man auch ganz anders sehen, dazu ausführlich Philipp Stachelsky in seinem Beitrag Die EZB ist noch lange nicht am Ziel. Seine Sichtweise: »Die Inflationsrate in der Eurozone ist auf 2% gestiegen. Damit ist die EZB jetzt wieder an einem Punkt angekommen, wo sie vor knapp sechs Jahren schon einmal stand. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihren Fehlern von damals gelernt hat – und die expansive Geldpolitik nicht erneut zu früh beendet.«

Samstag, 4. März 2017

Bankendämmerung. Wer soll und will in Unternehmen arbeiten, die in einer strukturellen Krise sind? Die Ausbildung in einer Bank als Auslaufmodell

Auch wenn das dem einen oder anderen sicher zu weit gehen wird angesichts dessen, was man normalerweise mit Banken und den Bankern verbindet - viele von ihnen haben es in diesen Zeiten nicht wirklich leicht und man muss mal eine Lanze brechen für die Banken, die von mehreren Seiten massiv unter Druck gesetzt werden. Im Dezember 2016 konnte man beispielsweise diesen Artikel lesen: Deutscher Bankensektor in tiefer struktureller Krise. Darin wird über eine Analyse von Bain & Company berichtet. Nach dieser Analyse verdienten die Banken ein Deutschland deutlich weniger als ihre Konkurrenten in anderen Ländern wie Frankreich, den USA, Japan, Großbritannien und der Schweiz. »Die Institute in Deutschland leiden ... vor allem unter strukturellen Defiziten im operativen Geschäft. Der Zinsüberschuss trägt hierzulande mit 73 Prozent signifikant mehr zu den Einnahmen der Banken bei als in anderen Ländern. Die weltweite Niedrigzinspolitik belastet die deutschen Häuser damit besonders stark. Höhere Provisionseinnahmen scheitern unter anderem am harten Wettbewerb in einem unverändert stark fragmentierten Markt. In Frankreich etwa vereinen die fünf größten Banken mit 85 Prozent einen nahezu doppelt so hohen Anteil der kumulierten Bilanzsumme auf sich wie in Deutschland (44 Prozent). Trotz aller Sparanstrengungen stagniert auch deshalb die Cost-Income-Ratio, das Verhältnis von Kosten und Erträgen.« Vor allem der Abstand zu den US-amerikanischen Banken ist frappierend, so auch schon Alexandra Regner in ihrem Artikel Europas Banken werden abgehängt: »Die US-Banken legen glänzende Bilanzen vor – von ihren Milliardengewinnen können Europas Institute nur träumen. Die sehen nur noch die Rücklichter der Konkurrenz.«

Mittwoch, 1. März 2017

USA: Vom Mythos der Einwanderungskrise, einem ökonomischen Suizid durch Deportationen und das es oft anders kommt, als ursprünglich geplant

Seit seinem Amtsantritt ist klar, dass Donald Trump partout nicht lassen will von dem, was er im Wahlkampf vollmundig verkündet hat. Beispielsweise eine Mauer zu bauen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Was viele empört zur Kenntnis nehmen (müssen), beflügelt bei anderen die Instinkte für kommende Geschäfte, was dann zu solchen Meldungen führt: Hochtief erwägt Bewerbung für Mexiko-Mauer: »Deutschlands größter Baukonzern erwägt, sich um den Auftrag für den Bau einer Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko zu bewerben.« Wie dem auch sei - die Stimmung gegen Einwanderer in den USA hat ein bislang nicht gekanntes Niveau erreicht, seit Trump im Amt ist. Was das ganz konkret für Menschen bedeutet, die als "Illegale" in den USA leben (müssen), teilweise mit Kindern, die - weil in den USA geboren - ganz legal dort sind, weil sie mit der Geburt die Staatsbürgerschaft bekommen haben, beschreibt Dorothea Hahn in ihrem lesenswerten Artikel Zwei von elf Millionen. Aber auch im engeren ökonomischen Diskurs regt sich Widerstand gegen den von Trump angekündigten Doppelschlag aus Abschottung (durch eine Mauer) und die Deportation der "Illegalen" aus den USA.

Sonntag, 26. Februar 2017

Gewinnt am Ende dann doch immer die Bank? Die Bausparkassen, ein Urteil der Bundesgerichtshofs und die Frage, ob das nun schlecht oder vielleicht sogar gut ist für die Bausparer

Das eigene Heim hat für viele Menschen in Deutschland eine große Bedeutung und es werden enorme finanzielle Belastungen auf sich genommen, um dem Traum von den eigenen vier Wänden zu realisieren. Für die meisten Häuslebauer und Wohnungskäufer der Vergangenheit war das Bausparen ein Teil im Konzert der Finanzierungsinstrumente. Und für das Bausparen gibt es seit langem die Bausparkassen, also Kreditinstitute, die sich auf die Wohnungsbaufinanzierung über Bausparverträge spezialisiert haben. Der Bausparmarkt in Deutschland wird zu etwa zwei Drittel durch zwölf private Bausparkassen, zumeist Tochterunternehmen von Versicherungen und Banken, sowie zu etwa einem Drittel durch acht Landesbausparkassen abgedeckt. Für 2016 werden 29,6 Mio. Bausparverträge ausgewiesen, davon entfallen 19 Mio. auf die LBS. Die Bausparsumme der Privathaushalte wird auf ansehnliche 875 Mrd. Euro taxiert und damit deutlich mehr, als die Privathaushalte beispielsweise in Investmentfonds angelegt haben (505 Mrd. Euro). Wir reden hier also nicht über Peanuts, wirklich nicht.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Piraterie in der Hansestadt Hamburg? "Kammerrebellen" kapern die Handelskammer

Die 79 Industrie- und Handelskammern gehören zum Kernbereich des besonderen korporatistischen Arrangements in Deutschland. Das wird auch an ihrem besonderen Status erkennbar. Auf der einen Seite stehen sie für die Idee der Selbsthilfe durch Zusammenschluss und das Recht, dass Unternehmen ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich regeln können, durchaus mit demokratischen Strukturelementen wie der Wahl ihrer Vertreter. Zugleich hat der Staat diese an sich auf Freiwilligkeit basierenden Strukturen gleichsam inkorporiert und aus den Kammern berufsständische Körperschaften des öffentlichen Rechts gemacht, wodurch sich neben der klassischen Interessenvertretung ihrer Mitglieder als zweite Aufgabensäule die Zuweisung an sich staatlicher Funktionen ergeben hat, man denke hier an den Bereich der Berufsbildung ( dazu gehören 555.000 Zwischen- und Abschlussprüfungen in der Ausbildung und 164.000 Prüfungen in der Weiterbildung). Insgesamt haben die IHK mehr als 50 Aufgaben, die ihnen vom Staat übertragen sind, so der DIHK. Sie begleiten Firmengründer, geben Auskunft bei Rechts- und Steuerfragen oder beraten bei der Expansion in internationale Märkte. Damit verbunden ist eine Staatsaufsicht, aber eben auch eine gesetzliche Pflicht zur Mitgliedschaft in diesen Einrichtungen, denen man sich nicht durch autonome Entscheidung entziehen kann, wenn man zum definierten Kreis der Zwangsmitglieder gehört.

Montag, 20. Februar 2017

Jenseits des Poker-Spiels um die nächsten Milliarden-Tranche für "die" Griechen. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen

Klappe die Nummer wie viel? »In der griechischen Schuldenkrise sind die Beteiligten der Auszahlung weiterer Hilfskredite einen Schritt nähergekommen. Die Eurofinanzminister hätten sich darauf verständigt, dass die Kontrolleure der internationalen Geldgeber-Institutionen in der kommenden Woche nach Athen zurückkehren, hieß es aus Kreisen der Euro-Gruppe und des griechischen Finanzministeriums«, kann man dem Artikel Griechenland könnte Kredittranche bald bekommen entnehmen. Und auch das hier kommt einem irgendwie schon unzählige Male gehört an: »Eine Einigung über das weitere Vorgehen könne dort dann schon innerhalb weniger Tage gefunden werden, hieß es weiter. Griechenland muss im Sommer Kredite in Milliardenhöhe zurückzahlen, was Athen nicht allein schultern könnte. Zur Freigabe weiterer Finanzhilfen sind allerdings noch einige Reformschritte nötig.« So kann man das natürlich auch sehen: Griechenland-Drama wieder aufgeschoben. Vertreter der vier Institutionen - drei von der EU und einer vom IWF - fahren schon in der nächsten Woche wieder nach Griechenland, um dort mit der Regierung "ein weiteres Paket von tiefgreifenden Reformen" zu vereinbaren, wie Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem zitiert wird.

Samstag, 18. Februar 2017

Die Eierlikör-Ökonomie von Oma als Fundament der Schäublonomics? Die Folgen der Austeritätspolitik diesseits und jenseits der Griechen

Griechenland ist zurück auf der internationalen Krisen-Bühne. Auf der Gläubiger-Seite gab und gibt es Streit, wie man mit diesem Land weiter verfahren soll (vg. dazu bereits den Beitrag Griechenland - Wie sollen die da raus kommen? Eine Abbildung verdeutlicht die Misere vom 8. Februar 2017 sowie zu den Hintergründen der aktuellen Auseinandersetzungen Die Wiederkehr der Drachme doch ante portas? Griechenland erneut zurück auf der Bühne der "Euro-Krise" vom 7. Februar 2017). Im Zentrum des Konflikts steht der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der scheinbar der einzige ist, der den Griechen mal reinen Wein einschenkt: Es wurde eben zu wenig reformiert und zu wenig gekürzt, deshalb haben die jetzt wieder Stress. Anders als bei uns, immerhin ist er ja der Hohepriester der "schwarzen Null" im deutschen Haushalt. Da hilft mit Blick auf diese unzuverlässigen Gesellen am Mittelmeer nur: den Druck erhöhen und den Griechen drohen.

Mittwoch, 15. Februar 2017

Die Kriminalität der weißen Kragen und die Schleuser als Beispiel für die kriminelle Ökonomik der Margen

Es sollte mittlerweile bekannt sein, wie hilfreich der Blick in die Geschichte der Ideen und Theorien sein kann, um heutigen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Beispielsweise diese Frage, ob das immer schlimmer wird mit der Wirtschaftskriminalität. Jürgen Kaube hat das getan in seinem Beitrag Gangster mit gebügelten Hemden, der mit dieser zentralen These aufmacht: Globale Konzerne haben einen neuen Typus von Verbrechern produziert. Die Täter sind kaum zu fassen. Um die zu belegen, schaut Kaube weit zurück: »Der Soziologe Edwin Sutherland dagegen ist heute nicht mehr sehr bekannt. Das war mal anders. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts lehrte er in Chicago und hatte es nicht weit zu seinem Forschungsgegenstand, der Kriminalität. Sein Buch „The Professional Thief“ von 1939 war die erste Untersuchung, in der Verbrechen als Beruf behandelt wurde ... Im selben Jahr 1939 hielt Sutherland einen Vortrag über das, was er als erster „White Collar Crime“ nannte, Kriminalität von Leuten mit weißem Kragen.« Im Unterschied zu Verbrechen als Beruf war und ist „White-Collar Crime“ mit Verbrechen im Beruf assoziiert - und zwar in eigentlich hochangesehenen Berufen. Für Sutherland, so Kaube, waren diese Verbrechen schon deshalb interessant, weil übliche Erklärungen für Delinquenz wie Armut, schwere Jugend, Leben in schlechter Gesellschaft hier nicht oder kaum in Anschlag gebracht werden konnten. Und weil es sich um eine Kriminalität handelt, die nur im Kontext von Organisationen möglich ist.

Montag, 13. Februar 2017

Kitschiger Kommerz an einem ehemaligen Gedenktag für einen enthaupteten Märtyrer. Auf alle Fälle gut für die Importseite der deutschen Außenhandelsbilanz. Der Valentinstag und die Rosen

Am morgigen Dienstag ist es wieder soweit: Die Blumenläden in Deutschland werden frohlocken, denn am 14. Februar wird der Valentinstag inszeniert, der in einigen Ländern als Tag der Liebenden gilt. Der Ursprung war wohl ein katholischer Gedenktag für einen enthaupteten Märtyrer, was zur morbiden Traditionslinie der Kirche passt. Dieser Erinnerungstag wurde von Papst Gelasius I. im Jahr 469 für die ganze Kirche eingeführt, 1969 jedoch aus dem römischen Generalkalender wieder gestrichen. Auch wenn der Valentinstag also einen blutig-nachdenklichen Ursprung hatte - heute ist er wie fast alles in unserem Leben durchkommerzialisiert. Und die Schnittblumenwirtschaft hat den Tag immer noch fest im Griff, obgleich andere Quellen darauf hinweisen, dass sich das Spektrum dessen, was an diesem Tag so verschenkt wird, erweitert bzw. diversifiziert, wie die Ökonomen sagen würden.

Die Blumen stehen immer noch an erster Stelle dessen, was nach einer neuen Studie am Valentinstag verschenkt werden soll - 61 Prozent geben diese Produktgruppe an. Offensichtlich haben wir zumindest auf der Antwortebene eine Menge Romantiker, denn auf Platz 2 kommt bereits das Candlelight Dinner, das von 50 Prozent genannt wird. Und die Pluralisierung unserer Gesellschaft kann man auch daran erkennen, dass immerhin 12 Prozent ein ganz eigenes Verständnis vom Tag der Liebenden haben und Dessous und Sex Toys verschenken wollen.

Aber bleiben wir bei den Schnittblumen und dabei vor allem den Rosen, die am Valentinstag eine immer noch so große Rolle spielen. Für das Jahr 2012 wurde berichtet, dass über 1,2 Milliarden Rosen nach Deutschland importiert wurden, 74,9 Prozent davon kamen aus den Niederlanden in die Bundesrepublik, auf dem zweiten Rank der Exporteure folgt mit großem Abstand und 15,4 Prozent direkt aus Kenia. Wobei der hohe Wert der Niederlande jedoch nicht bedeutet, dass alle der Rosen aus dem westlichen Nachbarland Deutschlands auch wirklich in den Niederlanden gezüchtet wurden. Das Land dient traditionell als Umschlagplatz für Blumen aus aller Welt. Und viele, sehr viele Rosen kommen aus Afrika.

Sonntag, 12. Februar 2017

Die Griechen, klar. Aber vielen Italienern geht es auch nicht gut. Und die Geldpolitik macht angeblich den Kapitalismus kaputt

Ja klar, Griechenland mal wieder. Und der Euro. Die Streitigkeiten ob der anstehenden nächsten Tranche des Rettungsprogramms sind Thema in der Wirtschaftspresse (und wurden auch hier behandelt, zuletzt in diesem Beitrag Griechenland - Wie sollen die da raus kommen? Eine Abbildung verdeutlicht die Misere. Und ein Grieche hat ein Buch geschrieben, ein anderer ein Interview gegeben vom 8. Februar 2017). "Schäuble spielt mit dem Feuer", mit diesem Ausspruch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras ist ein Artikel überschrieben: »Im Sommer muss Griechenland sieben Milliarden Euro zurückzahlen, diese können nur beglichen werden, wenn aus dem 86-Milliarden-Euro-Hilfsprogramm weitere Zahlungen freigegeben werden. Premier Tsipras wehrt sich nun gegen Vorwürfe aus Deutschland - die Kanzlerin solle ihren Finanzminister zur Ordnung rufen.« Gut, das hat er gesagt bei der Eröffnung eines Parteitags seiner Syriza-Partei. Schäuble hatte Griechenland zuletzt erneut vorgeworfen, Reformen zu verschleppen. Er hatte Athen auch vorgeworfen, sich einen höheren Lebensstandard zu leisten, als das Land selbst erwirtschaften könne. Ohne weitere Reformen "können sie nicht in der Währungsunion bleiben", so Schäuble. Aber Italien?

Donnerstag, 9. Februar 2017

Schleichend weiter den Weg in einen Gebührenstaat? DGB warnt vor einer Privatisierung von Straßen und Daseinsvorsorge

Am morgigen Freitag fällt eine Vorentscheidung darüber, ob Autobahnen demnächst privat betrieben werden und die Nutzung über eine Maut bezahlt werden muss. Denn dann entscheidet der Bundesrat über eine Grundgesetzänderung und über mehrere Gesetzentwürfe, die die Gründung einer Infrastrukturgesellschaft des Bundes ermöglichen sollen - so der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einer Pressemitteilung, die überschrieben ist mit nichts weniger als: DGB warnt vor Privatisierung von Straßen und Daseinsvorsorge. „Wir befürchten, dass so weitere staatliche Aufgaben privatisiert werden“, so wird DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell zitiert. Mit der geplanten Infrastrukturgesellschaft des Bundes sollen nicht nur Planung, Bau, Erhalt, Betrieb und Finanzierung von Bundesautobahnen und -fernstraßen von den Ländern in Bundeshand übergehen, vorgesehen sei auch, dass diese neue Infrastrukturgesellschaft eigenständig regionale Tochtergesellschaften gründen und über öffentlich-private Partnerschaften auch Privatunternehmen beteiligen kann. Und genau das könnte sich nach Wahrnehmung der Gewerkschaften als Einfallstor für die befürchtete Privatisierung erweisen.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Griechenland - Wie sollen die da raus kommen? Eine Abbildung verdeutlicht die Misere. Und ein Grieche hat ein Buch geschrieben, ein anderer ein Interview gegeben

Die Abbildung ist der aktuellen Stellungnahme des IWF zu Griechenland entnommen -  Greece: 2017 Article IV Consultation-Press Release; Staff Report; and Statement by the Executive Director for Greece. Über die Hintergründe des Streits zwischen EU und IWF wurde im letzten Beitrag berichtet: Die Wiederkehr der Drachme doch ante portas? Griechenland erneut zurück auf der Bühne der "Euro-Krise". Man kann es drehen und wenden, wie man will - die entscheidende volkswirtschaftliche Frage ist, ob und wie es den Griechen gelingen kann, aus diesem tiefen Tal der Tränen herauszukommen. Mit noch mehr Austeritätspolitik? Da bleiben gehörige Zweifel.
Auf alle Fälle bleibt das Problem: In der griechischen Finanzkrise wird es wieder heikel: Die Geldgeber blockieren sich gegenseitig, so Zacharias Zacharakis in seinem Artikel Jetzt bloß kein neues Schuldenchaos, wobei die Überschrift vor allem im Kontext der vielen anderen Probleme auf der europäischen Ebene zu lesen ist: »Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ließ zu Wochenbeginn wissen: Sollte sich der Internationale Währungsfonds (IWF) aus der Griechenland-Hilfe zurückziehen, werde das aktuelle Programm eben beendet. Die Konsequenzen eines solchen Abbruchs wären fatal: Schließlich steht es um die Stabilität in der EU nicht besonders gut, hinzu kommen in diesem Jahr mehrere wichtige Wahlen in Europa. Das Letzte, was man in dieser Situation gebrauchen kann, wäre neues Chaos in Griechenland.«

Dienstag, 7. Februar 2017

Die Wiederkehr der Drachme doch ante portas? Griechenland erneut zurück auf der Bühne der "Euro-Krise"

Griechenland - war da was mit Problemen? Sind die nicht Geschichte, wie die vor sich hin bröckelnde Akropolis? Natürlich nicht, wenn man nicht nur den Wellen der jeweils aktuellen Berichterstattung folgt, sondern sich verdeutlicht, dass das Land in einer ganz tiefen strukturellen Krise gefangen ist, durch die (verordnete) Austeritätspolitik, aber auch durch ein in vielen Teilen nicht funktionsfähiges Staatswesen. Beispielsweise nicht annähern funktionierenden Finanzämtern, was banaler klingt als es ist. Und das Land hängt weiter elementar an der zuweilen euphemistisch als "Hilfsprogramme" titulierten Geldzufuhr von außen, ohne die der Kollaps längst eingetreten wäre. Und genau an dieser Stelle entfaltet sich derzeit offensichtlich, folgt man der Berichterstattung, die nächste Eskalation der "Griechenland-Krise", denn »für Griechenland läuft mal wieder ein Countdown – ohne Finanzspritzen droht im Sommer erneut die Pleite. Doch gefangen zwischen Gläubigern und Wirtschaftsflaute kann das Land weder vor noch zurück«, so ein Artikel dazu unter der Überschrift Zurück zur Drachme? Und mit einer Referenz an die griechische Literatur geht es weiter: »Die Situation ist kein gordischer Knoten, den man zerschlagen könnte; keine Odyssee, die mit Mut und Glück zu bewältigen wäre, kein trojanisches Pferd, mit dem man trickst. Die Lage ist aussichtslos – so jedenfalls empfinden es die Griechen, die trotz oder gerade wegen der unzähligen Sparmassnahmen der vergangenen Jahre nicht auf die Beine kommen. Stattdessen macht wieder das Schreckgespenst «Grexit» die Runde.«

Montag, 6. Februar 2017

Faule Kredite, dünne Kapitaldecken und Deregulierung. IMK-Studie zur Finanzmarkt-Stabilität

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat den IMK Finanzmarkt-Stabilitätsreport 2016 veröffentlicht. Er trägt den Untertitel "Regulatorischen Fortschritt weiterentwickeln".
»Die Finanzmarktrisiken in Deutschland sind zwischen Januar 2016 und Januar 2017 etwas gesunken. Allerdings bleiben sie im langfristigen Vergleich relativ hoch und könnten in diesem Jahr wieder steigen«, kann man der Pressemitteilung zur neuen Studie entnehmen. Da werden einige an den deutschen Immobilienmarkt denken, aber: Eine akute Blasenbildung bei den Preisen und insbesondere bei den Krediten sehen die IMK-Wissenschaftler derzeit noch nicht. Die Risiken liegen nach Wahrnehmung des IMK ganz woanders: »Größer sind laut IMK die Risiken im Bankensektor: Die Kapitaldecke wichtiger deutscher Geldhäuser ist nach wie vor dünn. Um die Eigenkapitalbasis weiter zu stärken, empfehlen die Forscher betroffenen Banken, in den kommenden Jahren keine Dividenden auszuschütten und die Gehälter für Management und handelsnahe Bereiche vorerst nicht weiter zu erhöhen. In europäischen Nachbarländern sitzen viele Banken auf faulen Krediten. Hinzu kommen eine Renaissance gefährlicher Finanzinstrumente, hohe Unternehmensschulden in China und die Aussicht auf eine Deregulierung unter dem neuen US-Präsidenten.«

Freitag, 3. Februar 2017

Die Ketten der Regulierung sprengen. Die Banken in den USA und Donald Trump

Es muss sich ja nun auch wirklich lohnen, dass die Führungsmannschaft von Goldman Sachs einen Betriebsausflug in die neue amerikanische Regierung macht (vgl. dazu bereits den Beitrag Trump: Vor dem größten Treppenwitz der Wahlgeschichte und einem erneuten Sieg für Goldman Sachs & Co. vom 30. November 2016). Da konnte man am Ende lesen: »Wie heißt es so schön? Die Bank gewinnt immer.« Und hier die Fortsetzungsgeschichte, die den Schluss zulässt: Der Satz ist richtig.
Trump will Finanzmarkt-Regulierung aufweichen, so die FAZ oder Trump unterschreibt Dekret zur Entfesselung der Finanzbranche, so haben Anja Ettel und Anne Kunz ihren Artikel überschrieben. Donald Trump hat am Freitag in Washington ein Dekret unterzeichnet, das auf die Revision eines Gesetzes aus dem Jahr 2010 zur Regulierung der Banken abzielt. »Auf der Kippe steht ausgerechnet das Herzstück der reformierten Finanzmärkte. Kurz nach der großen Krise im Jahr 2009 hatte Trumps Vorgänger Barack Obama den sogenannten „Dodd-Frank-Act“ erlassen, ein gewaltiges Reformpaket, das in 541 Artikeln auf knapp 850 Seiten vor allem auf eines zielt: dass so etwas wie die große Finanzkrise nie wieder passiert.«

Donnerstag, 2. Februar 2017

Wieder einmal Export-Weltmeister, aber auf dem Thron wird man Zielscheibe der Trumponomics, vor allem, wenn man den Euro hat

Das sind doch mal auf den ersten Blick positiv daherkommende Nachrichten: Deutschland ist Exportüberschuss-Weltmeister: »Deutschland hat China nach Berechnungen des Ifo-Instituts 2016 als Land mit dem weltgrößten Exportüberschuss abgelöst.« "Die Leistungsbilanz weist voraussichtlich ein Plus von 297 Milliarden Dollar auf", wird Ifo-Experte Christian Grimme zitiert. Die Volksrepublik China kommt demnach auf den zweiten Rang mit einem Überschuss von 245 Milliarden Dollar. 2015 war die Reihenfolge noch umgekehrt. Aber dann erfahren wir auch das, von der anderen Seite der Medaille, denn wo es Überschüsse gibt, da muss es auch andere mit Defiziten geben: »Das größte Defizit weisen dem Münchner Ifo-Institut zufolge die USA auf: Es summiert sich hier auf voraussichtlich 478 Milliarden Dollar.« "Das bedeutet, dass die USA deutlich mehr verbrauchen als produzieren und sich im Ausland verschulden", so wird der Ökonom vom Ifo-Institut zitiert.
An dieser Stelle wird nun der eine oder andere zucken, denn das verheißt grundsätzlich, aber in diesen Tagen vor allem nichts Gutes. »Die Zahlen sind Wasser auf die Mühlen von Donald Trump und dürften die Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell wieder befeuern«, so auch der Artikel mit der scheinbaren Jubelmeldung. Um es gleich voran zu stellen: Diese Ungleichgewichte werden nicht nur von den USA kritisiert: So macht der Exportüberschuss nach den neuesten Schätzungen 8,6 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus, während die EU-Kommission bereits Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend einstuft. Deutschland reißt diese Hürde seit Jahren.

Dienstag, 31. Januar 2017

Der Euro - die einen fühlen sich bestätigt von den Widerworten vor 25 Jahren, die anderen sehen doch einen "optimalen Währungsraum"

Im Sommer 1992 lehnten sich Ökonomen öffentlich gegen die Beschlüsse einer Bundesregierung auf.  Am 11. Juni 1992, kurz nach der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht,  wurde in der FAZ ein Manifest gegen den Vertrag von Maastricht veröffentlicht: Die währungspolitischen Beschlüsse von Maastricht: Eine Gefahr für Europa. Daran erinnert der Beitrag 25 Jahre nach dem Manifest deutscher Ökonomen: Plädoyer für eine verkleinerte Euro-Zone von Michael Rasch in der "Neuen Zürcher Zeitung". Initiiert wurde das Manifest von den VWL-Professoren Renate Ohr und Wolf Schäfer, unterzeichnet haben es insgesamt 62 Professoren. In der Denkschrift wird die Idee einer Währungsunion nicht grundsätzlich abgelehnt. Vielmehr werden die im Vertrag von Maastricht zur Erreichung des Ziels vorgesehenen Maßnahmen als unzureichend oder falsch angesehen. Die Beschlüsse von Maastricht würden ein konfliktarmes Zusammenwachsen in Europa gefährden. Das Manifest selbst besteht aus 11 Punkten. Bereits im Punkt 2 wird eine Kernthese formuliert, mit der sich die Ökonomen immer schon herumgeschlagen haben: »Eine funktionsfähige Wirtschafts- und Währungsunion erfordert als Vorbedingung eine dauerhafte – über mehrere Jahre hinweg nachgewiesene – Angleichung der relevanten Wirtschaftsstrukturen der Mitgliedsländer. Eine einmalige – stichtagsbezogene – und damit mehr oder weniger zufällige Erfüllung einzelner Kriterien ist kein Nachweis der erforderlichen Konvergenz.«

Sonntag, 29. Januar 2017

Der Master of Export als Kaninchen vor der Schlange. Deutschland, Trump und die Außenhandelsungleichgewichte

In einer Einführung in die Volkswirtschaftslehre sollte man sich auch mit den Zielen der Wirtschaftspolitik auseinandersetzen müssen. Dabei wäre in Deutschland auch das - immer noch geltende - Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft aus dem Jahr 1967 zu diskutieren. Da findet man das, was dann unter dem bereits wertenden Begriff "magisches Viereck" behandelt wird: Im § 1 StabG wurde das so formuliert: »Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.« Die Charakterisierung dieser Zielsetzung als "magisch" basiert auf dem Anspruch, alle vier Ziele gleichzeitig erreichen zu wollen, was aus unterschiedlichen Gründen schwer bis unmöglich sei. An dieser Stelle besonders interessant ist die Zielformulierung eines "außenwirtschaftlichen Gleichgewichts" - das wird sicher viele in der heutigen Zeit überraschen bis irritieren. Werden nicht gerade die enormen Überschüsse der deutschen Volkswirtschaft als besonders positiv herausgestellt? Zeigen sie nicht, in welcher kraftstrotzenden Verfassung die deutsche Wirtschaft ist? Hatte nicht die Bundeskanzlerin den anderen Staaten im Euro-Raum - vor allem den Krisenstaaten der Peripherie - geraten, es den Deutschen nachzumachen?

Samstag, 28. Januar 2017

Die Türkei auf dem Weg nach Erdoganistan und die türkische Währung auf dem Sinkflug

Der (angebliche) Putschverlust in der Türkei am 15. und 16. Juli 2016 hat weitreichende Folgen - auch für die Verfasstheit des türkischen Staates. Die Wirren in der Zeit seit diesen Tagen im Sommer des vergangenen Jahres wurden von Präsident Recep Tayyip Erdogan mit aller Konsequenz genutzt. Nicht nur, dass er tausende Oppositionelle hat wegsperren lassen, er marschiert ohne Rücksicht in Richtung auf eine Autokratie, in der die "Verfassung" auf ihn als Person zugeschnitten wird, so dass er schalten und walten kann, wie es ihm in den Sinn kommt (vgl. dazu auch Noah Feldman: Turkey's New Constitution Would End Its Democracy).
Das Parlament hat mit den Stimmen der Regierungspartei AKP und der rechtsextremen MHP den Weg für eine Verfassungsänderung geebnet, die sämtliche Macht im Staat bei Erdogan bündelt. Nun soll das Volk in einem Referendum Anfang April über die Reform befinden. Maximilian Popp schreibt in seinem Artikel Wer kann Erdogan stoppen?:
»Der türkische Jurist Riza Türmen lässt keinen Zweifel daran, worum es bei dem Verfassungsreferendum in der Türkei Anfang April geht - um alles. Sollte Präsident Recep Tayyip Erdogan die Abstimmung gewinnen und ein Präsidialsystem in der Türkei durchsetzen, dann, so fürchtet der ehemalige Richter am Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg, sei die Demokratie in der Türkei erledigt.«
Die in der Artikelüberschrift aufgeworfenen Frage, wer Erdogan bei seiner Beseitigung der Demokratie oder deren Reste noch aufhalten kann, wird von Popp pessimistisch beantwortet, dafür gebe es nur eine (geringe) Chance, wenn die verbliebene Opposition geschlossen gegen das Referendum mobilisieren würde, wofür es aber aufgrund der Zerstrittenheit kaum Chancen gibt. So wird Erdogan im Frühjahr wohl auch die letzte formale Hürde nehmen, um sein eigentliches Ziel zu erreichen.
Aber möglicherweise wird er von einer ganz anderen Seite Feuer unter seinem Kessel bekommen - durch die negative Entwicklung der türkischen Wirtschaft. Die Währung des Landes ist dafür (nicht nur) ein Symbol.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Das Bargeld unter Beschuss und seine Verteidiger halten dagegen


Das war für die einen oder anderen eine beunruhigende Nachricht angesichts der Bedeutung, die Bargeld in der deutschen Gesellschaft (immer noch) hat: In Potsdam und Berlin wäre »bei der Belieferung von Geldautomaten fürs Wochenende mit Einschränkungen zu rechnen«, so der Artikel Prosegur-Geldboten streiken heute. Bei einem wochenlangen Prosegur-Streik im Jahr 2015 war es öfter zu Geldknappheit an Automaten gekommen. Der neue Warnstreik steht im Kontext von Verhandlungen um einen bundesweiten Tarifvertrag für 11.000 Beschäftigte in der Branche des Geld- und Werttransports, die sich festgefahren haben.
Man erfährt in diesem Zusammenhang so einiges über die Arbeitsbedingungen derjenigen, die Tag für Tag mit enormen Summen Bargeld unterwegs sind: »Bislang klaffen die Löhne derzeit regional bis zu 40 Prozent auseinander. So beträgt der Lohn im Geldtransport von Nordrhein-Westfalen derzeit 15,73 Euro, in Berlin werden dagegen nur 11,24 Euro gezahlt. Die Löhne in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Berlin und in Brandenburg liegen im Niedriglohnbereich. Die Beschäftigten in den stationären Dienstleistungen in den ostdeutschen Ländern erhalten mit 9,33 Euro/Stunde nur 48 Cent mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.«

Dienstag, 24. Januar 2017

Umrisse einer "Trumponomics"

Mit einem Dauerfeuer berichtet die Wirtschaftspresse in diesen Tagen von dem, was mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump auf uns zukommen wird, könnte, wenn, unter der Annahme, dass ... Notwendigerweise ist sehr viel Spekulation dabei, zuweilen durchsetzt mit der - allerdings langsam, aber sicher an Boden verlierenden - Selbstgewissheit, dass der sich schon beruhigen (und dann genau wie die anderen vor ihm werden) wird oder auch mit einer schnappatmigen Katastrophen-Semantik den Welthandel und die deutschen Exporte betreffend. Immer offensichtlicher wird für viele, dass man es mit einer unberechenbaren Person zu tun hat, mit ganz eigenen Vorstellungen von der ihm umgebenden Realität und noch mehr: "Trump represents a comprehensive rejection of the economic thinking that has dominated the world for a generation", notiert Anatole Kaletsky  in seinem Artikel Trumping Capitalism?. Er twittert munter weiter wie vor der Amtsübernahme (dazu Robert Reich in seinem Beitrag Government By Tweedict: »Trump’s tweets are a new form of governing by edict. They’re tweedicts«) und er schafft es, mit dieser - nun ja - sehr direkten Art der Kommunikation, ganze Konzerne in einen Schockzustand zu versetzen, wenn er sie direkt adressiert und mit Strafzöllen und anderen Folterinstrumenten droht, wenn sie eine Fabrik nicht hier, sonder da hochziehen. So werden Konzerne wie BMW darauf hingewiesen, dass sie Produkte für den amerikanischen Markt gefälligst in Amerika und nicht in Mexiko produzieren sollen. Ansonsten droht ein Einfuhrzoll von 35 Prozent. Das führt zu scheinbar skurrilen neuen Angeboten - »many companies are hiring crisis communication firms and making plans for what to do if they become targets of his Twitter attacks«, berichtet Kara Alaimo in dem Artikel How Companies Can Gird for a Trump Twitter Attack.

Samstag, 21. Januar 2017

Die Trickle-down-Theorie tröpfelt nur auf dem Papier und der Reichtum konzentriert sich, (nicht nur) in den USA

Jetzt ist er es auch offiziell. Donald Trump wurde als Präsident der USA vereidigt. In vielen Medien wird nun gerätselratet, was da auf uns mit ihm zukommen wird.
Volkswirtschaftlich interessant ist da ein Blick zurück, auf das, was man sehen kann, weil sich an diesen Erfahrungen auch die wirtschaftspolitischen Entscheidungen des neuen Präsidenten messen lassen müssen. Dazu beispielsweise Stephan Kaufmann in seiner Analyse Reichtum konzentriert sich.
»Die US-amerikanische Wirtschaft erzielte in den vergangenen Jahrzehnten meist hohe Wachstumsraten. Vom wachsenden Kuchen aber hat gut die Hälfte der Amerikaner nichts abbekommen.«  Nach neuen Berechnungen - er bezieht sich dabei auf die Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman - hat rund die Hälfte aller Amerikaner nichts vom wachsenden Kuchen. Ihr Einkommen stagniert – seit 35 Jahren. Er spricht damit auch die Trickle-down-Theorie an. Eine schön daherkommende Theorie, die aber eben vor allem Theorie ist: Teile des wachsenden Reichtums sollen nach unten zu den Ärmeren „tröpfeln“. Wenn man einem Pferd genug Hafer gibt, wird auch etwas auf der Straße landen, um die Spatzen zu füttern: Deshalb wird das Modell auch despektierlich als "Pferdeäpfel-Theorie" bezeichnet.

Donnerstag, 19. Januar 2017

Digitalisierung & Co.: Die Angst der Sachbearbeiter vor der Bedeutungslosigkeit. Und die ambivalenten Japaner: Weg mit den Jobs und zugleich her mit sinnlosen (?) Jobs

Die Diskussionen darüber, ob uns (wieder einmal) die Arbeit ausgeht, überschlagen sich (wieder einmal). Diesmal wird es ganz sicher passieren, so die Apologeten des Untergangs der Arbeitswelt, wie wir sie kennen.
Nun wird sich (übrigens wie schon immer), die Arbeitswelt weiter verändern, es werden Arbeitnehmer, die sich bislang sicher glaubten, über Bord fallen und andere werden hinzukommen. Wenn es einen Unterschied zu den letzten Rationalisierungs- und Automatisierungsdebatten gibt, dann muss das im Zusammenhang gesehen werden mit einer Verschiebung der (möglicherweise) Betroffenen hin zu den "Büroberufen", von denen viele angenommen haben, sie seien anders als die Fabrikarbeiter auf der sicheren Seite.
Nehmen wir als Beispiel die Menschen, die bei Versicherungen arbeiten. Jeder Schadenbearbeiter ist ersetzbar, so hat Philipp Krohn seine Artikel überschrieben. Diese Aussage kommt von Jobst Landgrebe, der mit Hilfe künstlicher Intelligenz Vorgänge für Versicherungen automatisiert. Eine der Thesen ist, dass der jetzt anlaufende digitale Umbruch die Versicherungswirtschaft deutlich härter treffen wird als andere Branchen - und zwar deshalb, weil man hier bislang eher geschützt war vor der Automatisierung: »Durch die scharfe Regulierung von Produkten und Unternehmen gab es Markteintrittsbarrieren, durch die technische Innovationen lange nicht in die konservativen Branchen eindrangen. Außerdem sind die sprachlichen und bildlichen Inhalte, mit denen Versicherer zu tun haben, sehr komplex. Dadurch war es schwieriger, sie zu automatisieren, als in der Logistik oder im Online-Handel, wo nur Zahlen verarbeitet werden müssen.«