Samstag, 22. April 2017

Der sagenhafte Rendite-Lockruf der Optionsschein-Welt statt 72 Jungfrauen. Über ein Attentat mit Börsenhintergrund - und die verstörend-normale Welt des Wahnsinns dahinter

Als bekannt wurde, dass auf den Mannschaftsbus des BVB Dortmund ein Sprengstoffanschlag verübt worden ist, da wurde man mit den üblichen Spekulationen über die Täterschaft versorgt. Ein "islamistischer Hintergrund" kam sogleich auf Platz 1 der Verdächtigen-Hitliste. Als dann bekannt wurde, dass es Sprengstoff aus Bundeswehr-Beständen war, der verwendet wurde, kam auch ein "rechtsextremistischer Hintergrund" ins Blickfeld. Aber mal ehrlich - das, was die Ermittler dann herausgefunden haben, das hat die allermeisten völlig kalt erwischt, selbst langjährig erfahrene Kriminalisten waren sprachlos. Ein Anschlag "mit Börsenhintergrund", so kann man das zusammenfassen. Ein Deutsch-Russe, der den oftmals so selbstverständlich verwendeten Terminus "Gewinnoptimierung" bis zur allerletzten abgründigen Konsequenz durchbuchstabiert hat - denn am besten hätte er verdient, wenn möglichst viele Dortmunder Spieler umgekommen wären. Da hat sich jemand an der Stratosphäre der "ökonomischen Rationalität" versucht.

Der verdächtige Sergej W. soll auf fallende Kurse der BVB-Aktie spekuliert haben. Mit dem Anschlag wollte er offenbar den Kurs manipulieren. Holger Stark berichtet in seinem Artikel Anschlag auf BVB-Mannschaft: Ermittler nehmen Verdächtigen fest zu den bisherigen Erkenntnissen:
»Am 11. April, dem Tag des Anschlags, hatte sich Sergej W. im Dortmunder Mannschaftshotel L'Arrive eingemietet. Das Zimmer, um das er bei der Buchung gebeten hatte, sollte freien Blick auf die Straße haben – den späteren Tatort. Aus dem Hotel heraus loggte er sich bei einer Bank ein, erwarb Verkaufsoptionen auf die BVB-Aktie – 15.000 sogenannte Put-Optionen, für die er eigens einen Kredit von etwa 40.000 Euro aufgenommen hatte. Mit den Optionen, die ... eine relativ kurze Laufzeit bis zum 17. Juni hatten, hätte Sergej W. wohl einen Gewinn in sechsstelliger Höhe eingestrichen.«
Und schon sind wir mittendrin in einer sagenhaft daherkommenden Welt der Optionsscheine. »Der Optionsschein-Markt gilt als "Wettbüro" der Börse. Risikofreudige Anleger können mit dem Spekulieren auf steigende oder auch fallende Kurse satte Profite erzielen - dank eingesetzter Hebel«, versucht Notker Blechner in seinem Artikel Wie funktionieren Optionsscheine? zu erläutern (dazu auch dieser Beitrag: Futures, Optionen und Optionsscheine). Blechner versucht sich an einer Beruhigung, wenn er darauf hinweist: Optionsscheine seien kein Teufelszeug. Er bricht es auf eine technische Ebene herunter: »Sie sind zeitlich begrenzte Rechte, die dem Besitzer ermöglichen, eine Aktie innerhalb der Laufzeit zu einem bestimmten Preis, dem Basispreis zu kaufen oder zu verkaufen.« Und weiter: »Das Prinzip entspricht einer Wette: Der Anleger wettet, dass der Kurs zum Beispiel einer BASF-Aktie innerhalb eines halben Jahres über einen bestimmten Betrag hinaus steigt (Call) oder fällt (Put). Der Anleger kann also auch verdienen, wenn der Aktienkurs nach unten rutscht. Er muss sich nur festlegen - und am Ende richtig liegen.«

Sergej W. hatte offensichtlich auf Put gesetzt. Der Artikel Wie funktioniert ein Put-Optionsschein? versucht uns die Frage in der Überschrift an einem Beispiel zu erläutern:
Es geht um die »Aktien der "TEST-AG" ... Aktuell notiert der Wert bei 100 Euro ... Der Put-Optionsschein berechtigt den Inhaber, eine Aktie der TEST-AG (= Basiswert) zum Preis von 100 Euro (= Basispreis), im Verhältnis 1:1 (= Bezugsverhältnis), bis zum 20. August nächsten Jahres (= Bezugsfrist oder Laufzeit des Optionsscheins) zu verkaufen. Für dieses Recht zahlt der Put-Optionsscheinkäufer zum Kaufzeitpunkt eine Optionsprämie in Höhe von 10 Euro. Das bedeutet: Mit diesem Put-Optionsschein besteht das Recht, bis zum 20. August nächsten Jahres eine Aktie der TEST-AG für 100 Euro zu verkaufen – unabhängig vom jeweils aktuellen Aktienkurs. Es erscheint logisch, dieses Recht nur dann auszuüben, wenn die TEST-AG unter 100 Euro notiert. Je niedriger der Aktienkurs, umso wertvoller das Recht.«
Wie kann es nun zu den in diesen Tagen immer wieder behaupteten sagenhaften Renditen kommen?
»Ob der Anleger mit dem Put-Optionsschein einen Gewinn erzielt, wird ... durch die Optionsprämie beeinflusst. Im vorliegenden Beispiel beträgt diese 10 Euro, die erst wieder verdient werden muss. Da der Optionsscheinkäufer die TEST-AG-Aktie zum Basispreis von 100 Euro verkaufen kann, muss der Kurs auf mindestens 90 Euro sinken, damit die Gewinnschwelle erreicht wird. Fällt die Aktie beispielsweise weiter auf 70 Euro, errechnet sich ein Profit von 30 Euro (100-70 Euro). Da der Kapitaleinsatz lediglich 10 Euro beträgt, führt ein Minus von 30 Prozent im Basiswert zu einem Gewinn von 200 Prozent mit dem Put-Optionsschein.« 
An dieser Stelle wird dann auch verständlich, warum im vorliegenden Fall der Verdächtige ein Interesse daran haben musste, möglichst viele Spieler des BVB zu töten oder schwer zu verletzen, weil "nur" dann der Kurs der an der Börse gehandelten Aktien des Fußballclubs aus Dortmund ins Bodenlose gestürzt wäre, was spiegelbildlich seine Profite nach oben geschossen hätte.
Und man muss hinzufügen, dass der immer auch mögliche negative Ausgang der Wette für den Spekulanten maximal begrenzt bleibt auf die eingesetzte Optionsprämie, die er dann abschreiben muss.

Schauen wir auf den konkreten Fall um den BVB Dortmund. Alexander Hagelüken versucht sich in seinem Artikel Das Unglück der anderen an einer Überschlagsrechnung:
»Der Verdächtige kaufte vor dem Anschlag 15.000 Verkaufs-Optionen. Diese Papiere geben dem Besitzer das Recht, eine Aktie wie die des BVB zum festgelegten Preis zu verkaufen. Etwa zu 5,20 Euro. Solange der Kurs bei 5,61 verharrt, ist die Option wenig wert - was bringt es, eine Aktie zu weniger verkaufen zu dürfen, als sie an der Börse notiert? Fällt die Aktie aber wegen mehrerer Todesopfer etwa um zwei Euro auf einen Kurs von 3,61 Euro, wird die Option plötzlich sehr viel wert. Denn der Verkäufer kann ja die Aktien, die er jetzt günstig für 3,61 Euro bekommt, für die festgelegten 5,20 abstoßen - ein satter Gewinn.
In der Realität kauft und verkauft der Spekulant gar keine Aktien. Sondern die Optionen, die im Wert rasant gestiegen sind. Eine Rechnung mit einer tatsächlich existierenden BVB-Option zum festgelegten Preis von 5,20 zeigt die Möglichkeiten: Für seine 15.000 Stück hätte der Verdächtige 3.000 Euro bezahlt und nach einem Kursrutsch auf 3,61 dann 30.000 Euro kassiert. Das wäre eine Verzehnfachung seines Einsatzes binnen Tagen.«
Es geht auch im vorliegenden Fall um den sogenannten "Hebel", den man einsetzt und der am Ende, wenn die Wette aufgeht, für die sagenhaften Renditen sorgen kann. Bezogen auf den konkreten Fall kann man einem anderen Artikel diese Rechnung entnehmen:
»Eines der Wertpapiere, das er mutmaßlich gehandelt hat, mit der Kennnummer DGM51Y wird aktuell zu 10 Cent gehandelt. Der Anleger erwirbt damit das Recht, die BVB-Aktie Mitte Juni zu einem Kurs von 4,80 Euro zu verkaufen. Aktuell kostet die Aktie 5,60 Euro. Deswegen ist der Put fast nichts wert. Käme es allerdings wie vom mutmaßlichen Täter erhofft zu einem Kurssturz der Aktie, gewänne der Put-Optionsschein schlagartig an Wert. Bei einem Aktienkurs von zum Beispiel 1 Euro, wäre das Recht, zu 4,80 Euro zu verkaufen, dann 3,80 Euro wert. Der Preis des Optionsscheins würde sich also von 10 Cent auf 3,80 vervielfachen, in diesem Fall um den Faktor 38.
Die anderen Put-Optionen arbeiten mit ähnlichen Hebeln. Wenn der Täter zum Beispiel 8000 Euro eingesetzt haben sollte, wäre damit in diesem Szenario ein Gewinn von mehr als 300.000 Euro möglich gewesen. Sollte er mehr Geld eingesetzt haben oder auch in anderen Papieren spekuliert haben oder wäre der Aktienkurs sogar auf nahe Null gefallen, erhöhte sich der mögliche Gewinn entsprechend.«
Bislang ist aber nicht genau bekannt, mit welchen Verkaufsoptionen der Verdächtige genau jonglierte. Die bislang in den Presseartikeln herumgereichten Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen und man muss die weiteren Ermittlungen abwarten.

Man kann natürlich die Frage aufwerfen, warum sich der mutmaßliche Täter gerade den BVB Dortmund ausgesucht hat. Dazu der Artikel Was ist dran am Mythos vom „Zockerpapier“?
Der BVB ist der einzige deutsche Fußballverein, der den Gang aufs Börsenparkett gewagt hat. Borussia Dortmund hatte sich vom Börsengang im Jahr 2000 den finanziellen und damit auch sportlichen Befreiungsschlag erhofft. Umgerechnet rund 140 Millionen Euro spülte der Verkauf von Aktien in die klamme Vereinskasse. Das Geld wurde in teure Spieler gesteckt, doch die Erfolge blieben aus. 2005 stand der Verein kurz vor der Pleite. Seitdem gilt der BVB in Sachen Börse als abschreckendes Beispiel für andere Vereine. Seit dem Handelsstart im Jahr 2000 hat der Aktienkurs abenteuerliche Bewegungen hinter sich. Verkauft hatte der BVB die Aktie für 11 Euro das Stück, doch gleich nach dem Börsenstart ging es bergab. Mitte 2009 war das Papier nicht einmal mehr 1 Euro wert. Zuletzt kostete ein Papier wieder gut 5,50 Euro.
Früher galt die BVB-Aktie tatsächlich als „Zockerpapier“ oder „Liebhaberaktie“. Das habe sich aber gründlich geändert, wird ein Analyst zitiert, der auch darauf hinweist, dass die Aktie im SDax notiert, der gehört zu den vier großen deutschen Aktienindizes.
Wenn man sich anschaut, was den Kurs der BVB-Aktie bewegt, dann wird verständlicher, warum sich der mutmaßliche Täter dieses Wertpapier herausgegriffen hat: »Es sind die sportlichen Leistungen des BVB. Vor allem Siege oder Niederlagen bei internationalen Veranstaltungen wie der Champions League lassen den Kurs heftig ausschlagen. Denn international winkt das ganz große Geld« - was aber auch bedeutet, dass der Kurs gegen Null abgestürzt wäre, wenn es dem Täter gelungen wäre, einen Teil der Profi-Mannschaft zu töten oder für lange Zeit außer Gefecht zu setzen.

Michael Ashelm und Daniel Mohr weisen in ihrem Artikel Fußball im Visier von Kriminellen auf eine Dimension hin, die weit umfassender ist als der nun offensichtlich enttarnte Einzeltäter(?) von Dortmund: Der Fußball ist seit Jahren auch ins Visier der organisierten Kriminalität geraten. »Über Spielmanipulationen und betrügerische Sportwetten lassen sich zum Teil höhere Margen erwirtschaften als im Rauschgifthandel, sagen Ermittler. Und die Täter gehen ein weniger hohes Risiko ein, entdeckt zu werden. Schiebereien spielen sich meist unterhalb der Premiumklasse in den zweiten, dritten oder vierten Ligen ab. Dort verdienen die Spieler weniger und sind damit leichter von den Kriminellen zu verführen, zugleich ist die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht so groß ist. Fachleute gehen hier je manipuliertem Spiel von Gewinnen der Wettmafia im sechs- oder siebenstelligen Bereich aus ... Die Banden sind vor allem in Asien, Afrika, Europa und Südamerika aktiv. Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre werden bestochen, aber auch erpresst und von den Handlangern der Wettpaten drangsaliert. Ganze Klubs werden von der Wettmafia gekapert.«

Abschließend zurück zu den Vorgängen in Dortmund. »Mit dem Fahndungserfolg ist wahrscheinlich, dass es keinerlei politischen Hintergrund für die Tat gibt – Sergej W. soll schlicht aus Habgier gehandelt haben«, so Holger Stark am Ende seines Artikels. Das kann man so sehen, aber eben auch durchaus anders.

Man muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es tatsächlich so ist, dass Verkaufsoptionen und die dahinter stehenden Wetten nicht per se rein spekulativ zu verstehen sind, sondern durchaus einen vernünftigen ökonomischen Kern haben. Mit Verkaufsoptionen können sich etwa Landwirte oder Unternehmen gegen Risiken absichern. Wenn ein Bauer seine Kartoffeln vorab zu einer festgelegten Summe verkauft, gerät er nicht in Existenznot, wenn nach der Ernte die Marktpreise zufällig gerade im Keller sind.
Das wäre zugleich ein regulatorischen Ansatzpunkt, auf den Alexander Hagelüken in seinem Artikel Das Unglück der anderen hinweist, der sich darin auf Max Otte bezieht: Der plädiert für ein Verbot vieler Finanzprodukte. »Er argumentiert, nur jene sollen Verkaufsoptionen haben, die das zugrunde liegende Produkt halten, etwa um sich abzusichern - wie Bauern mit ihren Kartoffeln oder Autokonzerne mit ihren Autos. Das nackte Wetten auf das Auf und Ab von Kursen mit Riesengewinnen dagegen hält Otte ... für gefährlich: "Solche Produkte verleiten die Leute zum Zocken. Und für Geld machen manche Menschen fast alles."« Und dem sollte man nicht noch Vorschub leisten, in dem man die Optionen dafür zur Verfügung stellt. Der ganze auch ökonomische Irrsinn dieser Spekulationssphäre, in der mit Dingen gedealt wird, die man nicht hat und eigentlich nie haben wird, kann man auch diesem Hinweis entnehmen: Wären in Dortmund richtige Profis unterwegs gewesen wie tagtäglich an der Börse, dann hätte die zu sogenannten Leerverkäufen gegriffen. Dabei sind die Gewinne noch höher und die Absichten leichter verschleierbar. Der mutmaßliche Täter hat durch die Inanspruchnahme von Optionen auf sich aufmerksam gemacht.

Man kann auch versuchen, über den Einzelfall weit hinauszugehen, so wie Heiko Werning das in seinem Beitrag Kapitalismushintergrund versucht: »Nun ist das Entsetzen über diese Variante der Gewinnoptimierung groß. Geldverdienen auf Kosten von Menschenleben! Hat es so etwas jemals gegeben in der Geschichte des Kapitalismus?« Und dann legt er den Finger auf eine zu diskutierende Wunde: »Gegen die Kritik an der Entscheidung, das Spiel einen Tag nach dem Anschlag zu wiederholen, wurde eingewendet, es gebe nun mal zwingende Sachgründe (sprich: wirtschaftliche Notwendigkeiten), außerdem sei es ein wichtiges Zeichen gegen den Terror.« Man kann das auch so verstehen: Die Wertschöpfungskette darf auf Teufel komm raus nicht unterbrochen werden, selbst als nicht klar war, wer der oder die Täter waren, ob noch Gefahr bestand, wie es den betroffenen Spielern ging.
Heiko Werning lässt uns mit einer gehörigen Portion Zynismus allein: »Natürlich ist die Tat von Dortmund in besonderer Weise erschreckend. Denn anders als etwa bei Lebensmittelspekulationen oder Finanztransaktionen in der Öl-, Textil- oder Technologiebranche gab es diesmal nicht abstrakte indirekte Opfer in irgendwelchen Entwicklungsländern, sondern es waren ganz reale Auswirkungen auf Champions-League-Ergebnisse zu befürchten, und da hört der Spaß nun mal auf. Einen solchen Anschlag auf unsere westlichen Werte können wir uns nicht gefallen lassen.«

Foto: Pixabay

Stefan Sell (2017): Der sagenhafte Rendite-Lockruf der Optionsschein-Welt statt 72 Jungfrauen. Über ein Attentat mit Börsenhintergrund und die verstörend-normale Welt des Wahnsinns dahinter, in: Aktuelle Wirtschaftspresse, 22.04.2017