Donnerstag, 26. Oktober 2017

Draghi und die EZB schleichen sich langsam raus aus der Politik des billigen Geldes. Oder doch nicht? Von der Sowohl-als-auch-Politik der Zentralbank

Und ewig grüßt das Murmeltier - getreu diesem Motto könnte man einen Beitrag, der in diesem Blog am 9. September 2017 veröffentlicht wurde, erneut aufrufen: Sie lieben ihn, sie hassen ihn. Mario Draghi, die EZB und die Zinsfrage. Da wurde berichtet, dass die EZB entschieden habe, die Null- bzw. Negativzinsen auf längere Zeit aufrechtzuerhalten und auch am zweiten Standbein der gegenwärtigen Politik der EZB wird absehbar nicht gerüttelt, denn »the Governing Council confirms that the net asset purchases, at the current monthly pace of €60 billion, are intended to run until the end of December 2017, or beyond, if necessary, and in any case until the Governing Council sees a sustained adjustment in the path of inflation consistent with its inflation aim.« Seit Anfang 2015 pumpt die EZB massiv Geld ins Finanzsystem, indem sie in großem Stil Staatsanleihen und andere Papiere am Markt aufkauft - insgesamt schon für rund zwei Billionen Euro. Jeden Monat schüttet man also weitere 60 Mrd. Euro in das System - alles zusammen wird dann immer wieder als "Politik des ultrabilligen Geldes" charakterisiert.
Und nun haben die wieder getagt im EZB-Turm zu Frankfurt am Main und viele hatten erneut gehofft (oder gezittert), dass die Zentralbank diesmal aber wirklich den Ausstieg verkünden werde. Und was bekommen wir? Solche Überschriften: Geld bleibt noch lang billig. Dort kann man lesen:
»Die Europäische Zentralbank tastet sich so langsam wie möglich an die Zinswende heran. Sie kauft auch nächstes Jahr weiter Anleihen auf und hält den Leitzins zumindest bis 2019 auf dem absoluten Nullpunkt.«
Und weiter erfahren wir: »Mehr als zwei Billionen Euro (eine Zahl mit zwölf Nullen) hat die Europäische Zentralbank (EZB) seit 2015 ausgegeben, um Wertpapiere von Europas Staaten und Unternehmen aufzukaufen und so die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Nur zum Vergleich: Ganz Österreich hat im selben Zeitraum nicht einmal halb so viel Geld erwirtschaftet. Diese historisch einzigartige Kapitalspritze blieb nicht ohne Wirkung. Die Eurozone hat sich vom globalen Wackelkandidaten zum Wachstumskaiser gemausert, die Arbeitslosenrate sinkt, Europas Banken vergeben wieder mehr Kredite.«

Dann wäre doch jetzt die Zeit gekommen, könnte der eine oder andere denken. Na ja, das heutige Ergebnis sieht dann aber - und das ist auch noch liebevoll interpretiert - so aus: »Der EZB-Rat hat sich am Donnerstag für die allerlangsamste denkbare „Zinswende“ entschieden. Die umstrittenen Anleihekäufe werden ab kommendem Jahr von 60 Milliarden auf 30 Milliarden Euro im Monat halbiert. Dafür verlängert die EZB diese Kapitalkur aber zumindest um neun Monate bis Ende September 2018. Schlussendlich wird die Zentralbank dann 2,55 Billionen Euro in Europas Staats- und Unternehmenskassen gespült haben.« Wobei die Verlängerung bis Ende September 2018 unter diesem Vorbehalt steht: "... or beyond, if necessary". Irgendwie ein Sowohl-als-auch-Ansatz.

Und die Reduktion des Kaufprogramms könnte man auch so interpretieren, dass der EZB schlichtweg die kauffähigen Produkte ausgehen.

Die Botschaft der EZB kommt in diesen trockenen Worten daher: »The interest rate on the main refinancing operations and the interest rates on the marginal lending facility and the deposit facility will remain unchanged at 0.00%, 0.25% and -0.40% respectively. The Governing Council continues to expect the key ECB interest rates to remain at their present levels for an extended period of time.«


source: tradingeconomics.com

Immer wieder beruft sich die EZB dabei auf ihr Inflationsziel. Und die Geldpolitik wird expansiv bleiben, »until the Governing Council sees a sustained adjustment in the path of inflation consistent with its inflation aim.«


source: tradingeconomics.com

Europa brauche auch weiter einen „umfangreichen geldpolitischen Impuls“, begründete Mario Draghi seine Entscheidung, die Zinsschraube nicht einmal anzutasten, während die meisten großen Notenbanken weltweit ihre Zinsen nach dem Ende der Krise wieder anheben. Als Begründung muss die schwache Inflation in der Eurozone herhalten. Im September betrug sie nur 1,5 Prozent, die offizielle Zielmarke der EZB liegt hingegen bei knapp unter zwei Prozent.

Der "Vorteil" der heutigen Entscheidung - man kann die alten Texte wieder aufwärmen. So beispielsweise der Artikel Was Draghis langsame Wende bedeutet. Der verwendet ganze Passagen, die bereits im September in diesem Stück verwendet wurden: Draghi gegen die deutsche Angst. Denn auch hier tauchen die drei Gründe auf, die die EZB (angeblich) so vorsichtig agieren lassen:
1. Die Preise steigen zu langsam
2. Die Löhne wachsen nur schwach
3. Die Finanzmärkte mögen keine Überraschungen

Und wer freut sich über diese Entscheidung? »Seit Jahren werden die europäischen Börsen durch die ultralockere Geldpolitik der EZB angetrieben und gestützt. Denn wegen der niedrigen Zinsen bringen Anleihen kaum mehr Rendite. Und das viele Geld, das die EZB durch ihr Programm in den Markt pumpt, geben Investoren aus, um Aktien zu kaufen .. Der Dax stieg gleich nach der Entscheidung der Notenbanker.«

Und so wird es erst einmal weitergehen. Denn bevor es zum endgültigen Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik kommt, dürften noch Jahre vergehen.