Samstag, 11. November 2017

Von der Königin der Kryptowährungen zur profanen Tulpenzwiebel oder: Bitcoin, am Ende doch nur eine spekulative Erscheinung?

Man kann es ja verstehen. Seit Jahren plagen sich die Sparwilligen mit Niedrigst-, Null- und Negativzinsen herum, was bedeutet, dass das Geld vor sich hinschmilzt, denn mit konventionellen Anlagen lässt sich nichts mehr einfahren. Die einen sind deshalb in den vergangenen Jahren auf den Bau gegangen und haben mit dazu beigetragen, die Immobilienpreise (nicht überall) nach oben zu hieven. Die anderen versuchen einen Tanz auf dem Börsenparkett und bislang sind sie mit steigenden Kursen bedient worden. Bislang. Und dann gibt es da noch eine überschaubare Gruppe an Hoffnungsvollen, die dem konventionellen Geld entsagen und auf einer höheren(?) Ebene hantieren. Mit Bitcoins. Die Abbildung mit der Kursentwicklung der Bitcoins gemessen am US-Dollar verdeutlicht, dass die Kryptowährung jahrelang vor sich hindümpelte. Nach einem kurzen Ausbruchsversuch nach oben Ende 2013 passierte wieder eine ganze Zeit lang nichts. Aber seit diesem Jahr legt der Kurs des Bitcoin eine atemberaubende Reise in den Himmel der Anlegerfreuden hin, deren Verlauf jeden Kritikaster zur Diagnose einer spekulativen Entwicklung bringen muss.

Dabei muss man an dieser Stelle daran erinnern, mit welchem Anspruch die Bitcoins ins Leben gerufen wurden. Das Bitcoin-Zahlungssystem wurde erstmals 2008 in einem unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto veröffentlichten Dokument beschrieben. Diesen Grundlagentext gibt es hier:
Satoshi Nakamoto: Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System, October 2008
Im darauffolgenden Jahr wurde von Satoshi Nakamoto der Anspruch einer Alternative zum bestehenden Geldsystem formuliert. Man sollte das wieder aufrufen:
»The root problem with conventional currency is all the trust that's required to make it work. The central bank must be trusted not to debase the currency, but the history of fiat currencies is full of breaches of that trust. Banks must be trusted to hold our money and transfer it electronically, but they lend it out in waves of credit bubbles with barely a fraction in reserve. We have to trust them with our privacy, trust them not to let identity thieves drain our accounts. Their massive overhead costs make micropayments impossible ... With e-currency based on cryptographic proof, without the need to trust a third party middleman, money can be secure and transactions effortless.« (Satoshi Nakamoto: Bitcoin open source implementation of P2P currency, 11.02.2009)
Das war der konzeptionelle starting point des Bitcoin-Ansatzes. Schaut man sich die zurückliegenden Monate an, dann hingegen kann man zu dem Eindruck kommen, dass es sich bei Bitcoin um ein veritables Spekulationsobjekt handelt, dessen Aufstieg in nie erwartete Höhen eine Menge Leute elektrisiert (hat).

Alle Ingredienzen eines Spekulationsgebildes lassen sich beobachten. Da schlagen die spekulativen Überlegungen auch in den Medien ihre Kapriolen. Nur ein Beispiel: Steckt Amazon hinter dem Bitcoin-Boom?, so die (scheinbare) Frage von Daniel Wetzel und Daniel Eckert - scheinbar deshalb, weil die beiden die Story mit Amazon als eine gegebene Realität glauben möchten. Zugleich appelliert so ein Gerücht auch an die Hassliebe, die viele Zeitgenossen gegenüber diesem Unternehmen haben: »Die Gerüchte aus dem Silicon Valley verdichten sich: Amazon möchte Bitcoin als Zahlungsmittel zulassen, heißt es dort. Das wäre ein Meilenstein für das digitale Geld.« Welche Quellen die beiden haben? »Stimmen aus dem Umfeld innovativer Finanz-Firmen, sogenannter Fintechs, stützen nach Informationen der WELT eine frühere Aussage des Investors, Buchautors und Start-up-Gründers James Altucher.«
„Bereits jetzt ist es über Dienstleister möglich, bei Amazon einzukaufen und mit Bitcoins zu zahlen“, so wird Oliver Flaskämper, Chef von Bitcoin Deutschland, in dem Artikel zitiert. »Dienstleister wie all4btc.com nehmen Bitcoins, tauschen sie ihrerseits in Euro oder Dollar und bezahlen damit die bestellten Waren bei dem Online-Händler. Über kurz oder lang könnte Amazon sich entscheiden, den Umweg über Dienstleister überflüssig zu machen.«
Eine sehr klare Diagnose die Bitcoin-Kursentwicklung betreffend hat Mark Dittli bereits in die Überschrift seines Artikels gepackt: Bitcoin: Eine Blase, wie sie im Lehrbuch steht.  Genau so wie heute mit Blick auf die Bitcoin haben sich in den vergangenen Jahrhunderten schon Tausende von Investoren in einer Reihe von Spekulationsblasen gefühlt – und das, was heute Bitcoin sind, waren da beispielsweise Tulpenzwiebeln (vgl. dazu Sandro Rosa: Die niederländische Tulpenmanie: Von 1636 bis 1637 erlebt die Welt die erste grosse Rohstoffblase. Auf dem Höhepunkt kostet eine Tulpenzwiebel so viel wie ein Haus in Amsterdam.) Mark Dittli schont den Leser nicht: Er weist darauf hin, dass Spekulationsblasen immer dem gleichen Muster folgen. Und sie enden immer in einem Crash.

Aber auf welcher Grundlage kommt Dittl zur Diagnose einer Spekulationsblase?

Seit Anfang 2017 hat sich der Wert eines Bitcoin fast verzehnfacht. Aber nicht eine extreme Preisentwicklung an sich ist ein Signal für eine Spekulationsblase, sondern entscheidend ist die "Story", die dabei entsteht und sich in den Köpfen der Marktteilnehmer festsetzt.
Dittl bezieht sich bei seiner Zuordnung der Bitcoin in das Lager der Spekulationsblasen auf die beiden amerikanischen Ökonomen Charles Kindleberger und Hyman Minsky. Die beiden haben ein 5-Phasen-Schema erarbeitet, dem in der Vergangenheit – seit der Tulpenmanie in Amsterdam von 1637 – alle Spekulationsblasen gefolgt sind. Vgl. dazu ausführlicher Die Anatomie der Spekulationsblase sowie den Beitrag Den Letzten beissen die Hunde.

Die Phase 2 des Schemas von Kindleberger und Minsky ist der Boom.
»Im Fall von Bitcoin sprechen wir hier etwa vom Zeitraum bis 2015; der Preis von Bitcoin stieg noch einigermassen gemächlich, während sich gleichzeitig – dank Medienberichten, Konferenzen etc. – das Narrativ festigte, dass Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie nicht bloss ein Spielzeug für Nerds sind, sondern die Welt revolutionieren werden.«
Phase 3 ist die Euphorie. Nun fließt richtig viel Geld, der Preisanstieg beschleunigt sich massiv. Wer bislang abseits gestanden ist und der neuen Story gegenüber skeptisch eingestellt war, bekommt es mit der Angst zu tun, etwas richtig Großes zu verpassen. »Bewertungsmodelle oder Parallelen aus der Vergangenheit spielen keine Rolle mehr. Dieses Mal ist eben alles anders. Man muss als Investor einfach auf den Zug aufspringen. Wenn nicht jetzt, dann hat man es verpasst.«
»Im Fall von Bitcoin ist unschwer zu erkennen, dass wir gegenwärtig mitten in der Euphoriephase stehen. Heute kristallisiert sich das Narrativ um die Tatsache, dass die maximale Menge von Bitcoin auf 21 Millionen Einheiten beschränkt ist: Ein knappes Angebot trifft auf eine explodierende Nachfrage, während gleichzeitig das Vertrauen in das vorherrschende Papiergeldsystem schwindet.«
Es gibt keine "fairen" Bewertungsmaßstäbe mehr. Ist der faire Preis von Bitcoin nun 1.000 Dollar, oder 7.000 oder gar 50.000 Dollar? Niemand hat darauf eine Antwort.

Nach der Euphorie kommt übrigens das böse Erwachen, der Absturz. »Im aktuellen Fall von Bitcoin hat diese Phase noch nicht begonnen«, so Dittl.
»Klar ist nur, dass sich die Phasen 1 bis 3 des Minsky/Kindleberger-Modells, also die Verlagerung, der Boom und die Euphorie, in der Preisentwicklung der Kryptowährung exemplarisch gezeigt haben. Wie im Lehrbuch.«
Aber vielleicht ist diesmal ja wirklich alles anders und der nach dem Lehrbuch der Spekulationsblasenökonomie zwingende Absturz bleibt aus - dann sollte man vielleicht doch? ;-)

Und sind das die vielbeschworenen Zeichen an der Wand? Bitcoin sackt in 48 Stunden um 1000 Dollar ab, so lauten die aktuellen Meldungen.
»Die Bitcoin-Rally hat am Freitag einen Dämpfer erlitten. Der Kurs der bekanntesten der Cyberwährungen sackte an der Handelsplattform Bitstamp um über fünf Prozent auf 6.750 Dollar ab. Innerhalb von nicht einmal zwei Tagen verlor er damit mehr als 1.000 Dollar. Spekulationen über die Zulassung eines Terminkontrakts für Bitcoin an der renommierten Börse CME hatten den Kurs des Internetgelds in den vergangenen Tagen beflügelt, am Mittwoch hatte er ein Rekordhoch von knapp unter 8.000 Dollar erreicht.
Ein von der CME aufgelegter Bitcoin-Future würde der Kryptowährung nach Ansicht von Experten Tür und Angel in den Massenmarkt öffnen ... Vermutlich würde dann auch schnell ein Bitcoin-ETF folgen, betonte Emden. Die Anträge dafür liegen bereits bei Regulierungsbehörden in der Schweiz und den USA in den Schubladen. Bei einer Ablehnung der Future-Pläne wären Kursverluste bei Bitcoin die Folge.
Auch die jüngste Warnung der deutschen Finanzaufsicht BaFin vor dem Erwerb von Bitcoin lastet nach Meinung von Experten auf dem Kurs. Die Behörde betonte, der Erwerb von der Cyberwährung über sogenannte Initial Coin Offerings (ICO), also Platzierungen der Währung an speziellen Handelsplätzen, sei mit hohen Risiken verbunden und könne zu einem Totalverlust führen.«
Wer weiß, vielleicht ist das auch nur ein unsicherheitsbedingter Einbruch in eine ansonsten anhaltende Bergtour nach oben. Man könnte mit Dittl an dieser Stelle den berühmten Sir Isaac Newton zitieren, der 1720 der "South Sea"-Euphorie in London erlag und ein Großteil seines Vermögens verlor:
»Ich kann die Bewegungen der Himmelskörper präzis berechnen, nicht aber den Wahnsinn der Menschen.«
Aber vielleicht ist es ja auch ganz anders. Felix Holtermann beispielsweise behauptet in seinem Essay Bitcoins bitte!: Die Zukunft des Geldes hat begonnen: »Macht der Bitcoin die Banken überflüssig – oder ist er nur ein neuer Spielchip im globalen Finanzcasino? Keins von beidem. Unser Verständnis der Kryptowährung basiert auf einem Denkfehler.«
Seine Argumentation geht so: »Schon über die Frage, was Bitcoin und Co. im Kern sind, herrscht keine Einigkeit. Und wie wir mit ihnen umgehen sollten, ist noch umstrittener. Heute stehen sich zwei Extrempositionen unversöhnlich gegenüber.«
  • Auf der einen, zugleich mächtigen Seite, befinden sich die Kritiker: »Für sie sind die digitalen Münzen schlicht Werkzeuge des Verbrechens aus den dunklen Ecken des Internets, oder, im besten Fall, eine neue Zockeranlage am Spieltisch der Finanzmärkte.«
  • Und auf der Seite der Anhänger kommt es wieder zum Vorschein, das Entstehungsmotiv: »Für sie eröffnet der Bitcoin jedem Bürger den Zugang zu den Zahlungsströmen der Welt, ebnen die Kryptowährungen den Weg zu einem demokratischeren Geldsystem ohne gierige Banker und gestrige Aufseher.«
Und was meint Holtermann? »Tatsächlich sehen Kritiker wie Befürworter im Aufstieg des Bitcoins zuvorderst die eigenen Ängste und Sehnsüchte bestätigt. Das Wesen der Währung aber haben sie kaum erfasst.«

Seine Sichtweise auf die Anhänger führt uns zurück in die Theoriegeschichte des ökonomischen Denkens: Die Befürworter des Bitcoin denken »im Kern anarcho-libertär: Der Bitcoin löst demnach das heutige Geldsystem ab, bricht die Macht der Banken. Jeder Bürger nimmt an den globalen Finanzströmen teil; ohne Vermittler jagen Transaktionen blitzschnell und fast kostenlos um den Erdball. Ob dabei Bitcoins Verwendung findet, Ethereum oder eine andere Digitalwährung, ist zweitrangig. Klar ist nur: Die klassischen Notenbanken sind verhasst, ihr Geld wird als „Weichwährungen“ geschmäht.« Und sie haben angeblich einen Bezugspunkt, der jedem Ökonom geläufig ist:
»Friedrich August von Hayek. Der Ökonom kann als Vordenker der Krypto-Visionäre gelten. Bereits 1976 plädiert Hayek für eine „Entnationalisierung des Geldes“, für eine Geldschöpfung außerhalb der Notenbanken. Hayek misstraut den Regierungen, sieht die Versuchung, das Geldausgabe-Monopol durch Währungsentwertung zu missbrauchen, etwa, um staatliche Ausgabenprogramme zu finanzieren. Der Österreicher sieht in den westlichen Marktwirtschaften eine chronische Niedrigzinspolitik am Werk, die immer gewaltigere Kredit- und Geldmengen auftürmt. Hayeks Rezept gegen die Krise: In Zukunft sollen Banken eigene, private Währungen herausgeben. Im freien Spiel des Marktes setzen sich dann die „guten Währungen“ gegen die „schlechten“ durch, kehrt die Deckung durch Edelmetalle zurück, so die Hoffnung.«
Aber würde sich die Macht des Algorithmus durchsetzen, dann kämen neue Probleme auf uns zu:
»Da die Kryptowährungen nicht an ein Edelmetall gekoppelt sind, wie die „guten Währungen“ in Hayeks Theorie (und natürlich auch keine Zentralbank über die Geldmenge wacht), müssen sie mit einem anderen Mechanismus Inflation verhindern. Mittel der Wahl ist meist eine absolute, im Algorithmus verankerte Obergrenze. Beim Bitcoin liegt sie bei 21 Millionen Stück, die früher oder später erreicht werden. Die digitale Geldmenge hält damit auf Dauer nicht mit dem Wirtschaftswachstum schritt. Der Bitcoin wird seltener und damit tendenziell wertvoller.
Die wichtigste Folge der Zwangsverknappung: Das Wesen des Bitcoins verändert sich über die Zeit. Die Kryptowährung wird von Jahr zu Jahr immer mehr zum Rohstoff, statt zu echtem Geld.«
Das wäre aber der Abschied von der Vision eines alternativen Geldsystems. Aber Holtermann enttäuscht an dieser Stelle alle Kritiker, die von einer Totgeburt sprechen und sich durch die vorangegangenen Ausführungen bestätigt fühlen. Seine Vorhersage geht so:
»Wahrscheinlicher ist, dass dem Bitcoin schon bald eine wichtige Reservefunktion im Finanzsystem zufällt – als „sicherer Hafen“ für turbulente Tage und als theoretisches Notgeld für den Fall X. Dem Klassiker Gold wäre er dann überlegen: Um Bitcoins zu kaufen und in der Blockchain sicher zu lagern, genügt ein Internetanschluss. Und sollte die Bargeldversorgung einmal stocken, lässt sich kaum mit Goldbarren bezahlen – mit dem Bruchteil eines Bitcoins (zumindest in der Theorie) aber schon.«
In der Theorie eben. Wir werden sehen.