Mittwoch, 22. November 2017

Der Brexit und die Lieferketten

Der Brexit. Wann genau und vor allem wie genau er kommen wird - als "weicher" oder "harter" Ausstieg der Briten aus der EU ist noch nicht wirklich absehbar.
Aber eines zeichnet sich immer mehr ab: Die ökonomischen Auswirkungen sollten in Zeiten der vielfach miteinander verwobenen Netzwerke der Produktion und Distribution nicht unterschätzt werden. Dazu als ein Beispiel der Artikel Der Brexit unterbricht hoch effiziente Lieferketten von Claudia Wanner: »Großbritanniens EU-Ausstieg bedroht Zulieferer und ihre Kunden. Zölle, Grenzkontrollen und Bürokratie werden Produzenten und Händler voneinander trennen. Auch deutsche Unternehmen sind betroffen.« Sie beginnt ihre Ausführungen mit einem Beispiel, dem Unternehmen Goodfish, das an drei Standorten in Großbritannien Plastikkomponenten im Spritzgussverfahren herstellt, beliefert auf dem Kontinent unter anderem viele Kunden in der Automobilindustrie.

Direkt nach der Brexit-Entscheidung der Briten im Juni 2016 hat das Unternehmen reagiert: Man hat sich für eine zusätzliche Produktionsstätte in der Slowakei entschieden, was eigentlich gar nicht geplant war - um die Kunden in der EU zu beruhigen, dass man weiterhin einen Fuß auf dem EU-Boden haben wird. Ab 2019 soll in dem EU-Land produziert werden.

Vorprodukte und Maschinenteile werden heute im Produktionsprozess genauso unkompliziert und reibungslos hin und her geschickt wie fertige Waren. Also bislang. Auch wenn bislang noch gar nicht über den zukünftigen Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verhandelt wurde:
»Es gilt jedoch als sicher, dass der grenzüberschreitende Verkehr komplizierter und langwieriger wird. Sorgfältig geschmiedete Zulieferketten könnten damit zerbrechen, die Planung in der gesamten Zulieferung müsste erheblich umgestellt werden.«

Laut einer aktuellen Untersuchung des Chartered Institute of Procurement and Supply (CIPS), eines britischen Wirtschaftsverbandes, erwägen 63 Prozent der befragten Unternehmen aus der EU27, ihre Zulieferer in Großbritannien zu ersetzen, so Wanner in ihrem Artikel. Und die Werte steigen - bei der vorangegangenen Umfrage im Mai hatten erst 44 Prozent einen Austausch von britischen Zulieferern in Erwägung gezogen.

Es geht Angst um. Nicht so sehr die drohende Erhebung von Zöllen sei es, die Unternehmer vorrangig umtreibe, wird Robert Keen von der British International Freight Association (BIFA), einem Speditionsverband, zitiert. „Es geht um Zolldeklarationen, um Kontrollen in den Häfen, um die verschiedenen Zertifizierungen, um die Behörden, die künftig involviert sein werden, von Gesundheit bis zu landwirtschaftlichen Produkten.“
Damit erhöhen sich die Kosten, aber vor allem auch der zeitliche Aufwand an der Grenze.

Zuweilen hilft der Blick auf ein konkretes Beispiel - Wanner zitiert in ihrem Artikel Beispiele aus der Automobilindustrie:
»Der Autobauer Ford warnt ... vor einem unbeschreiblichen Aufwand selbst für einfache Zollprüfungen. Über 20.000 separate Zolldeklarationen könnten für die Ausfuhr von Motoren aus dem Werk Dagenham für den Einbau in Fiestas aus deutscher Fertigung künftig anfallen.
Der japanische Wettbewerber Honda rechnet mit knapp einer Million Pfund Extrakosten, wenn jeder Laster im Hafen von Dover auch nur 15 Minuten – Beobachtern gilt das als sehr optimistischer Wert – warten muss. Doch weil der gesamte Lieferprozess durch die Verzögerungen schlechter vorhersehbar werde, müssten unter anderem auch zusätzliche Lager her und der Lagerbestand aufgestockt werden. Hohe zweistellige Millionensummen würden dadurch anfallen.«
Und auch darüber hinaus erscheinen neue Probleme am Horizont: »Beispiel Ford: Verlieren die britischen Motoren den Status „Ursprung EU“, dann könnten die innerhalb der Union gefertigten Teile in einem Fahrzeug unter die Schwelle fallen, die Länder wie die Schweiz und Südafrika zur Bedingung machen, um Autos zollfrei einführen zu können.«

Foto: Pixabay