Sonntag, 19. November 2017

Briefe, die niemals ankommen konnten, weil es sie nicht gab. Die aber abgerechnet wurden. Neues aus der Welt der Wirtschaftskriminalität

Wo der Rubel rollt, da ist die Wirtschaftskriminalität mit ihren Versuchen, ein Stück vom Kuchen abzubekommen, niemals weit. Viele Versuche scheitern, andere nicht. Und über einen neuen Fall aus der Welt der Beutezeuge wird diese Tage berichtet:
Durch die Abrechnung fiktiver Briefe haben Kriminelle 50 bis 100 Millionen Euro erbeutet. Die Deutsche Post hat das mit einem laxen Kontrollsystem möglich gemacht. Das kann man diesem Artikel entnehmen: Millionenschwerer Betrug bei Abrechnung von Briefen. Aber was genau ist da wie passiert?
»Der Schwindel funktioniert demnach so: Private Post-Dienstleister erhalten von der Deutschen Post für jeden angelieferten Brief eine Prämie, die bis zu 44 Prozent des Portos beträgt: Je mehr Briefe abgegeben werden, desto mehr Prämie gibt es. Überprüft werde die Zahl nur in Stichproben. "Der Betrug ist kinderleicht", zitierte die Zeitung einen Unternehmer.«
In den Akten der Ermittler sei von massenhaft "fingierten" und "nicht existenten Briefen" die Rede. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittele. Ein wichtiger Tatort ist das Briefzentrum in Frankfurt. Vor allem samstags, als die Kontrolle schlecht oder gar nicht besetzt war, wurden dort Briefe registriert, die nie eingegangen sind. Die „Samstagsmengen sind zum größten Teil nicht existente Sendungsmengen“, heißt es in den Akten der Ermittler weiter, aus denen Georg Meck in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) berichtet (vgl. Millionen-Betrug mit erfundenen Briefen als Vorab-Medlung).

Seinen ausführlichen Artikel in der FAS vom 19.11.2017 hat Georg Meck unter diese Überschrift gestellt: "Der große Schwindel mit den Briefen".
»Aufgeflogen ist der Schwindel im Frühjahr, mehr durch Zufall, als Nebenprodukt von Ermittlungen in einer Steuersache, wie so oft. Seither gab es mehrere Razzien, zeitweise lag – von der Öffentlichkeit unbemerkt – wegen der Vorfälle für mehrere Tage der Briefverkehr lahm, weil die Deutsche Post wenigstens einmal genau nachzählen wollte: Wie viele Briefe gehen tatsächlich rein und raus, und nicht nur auf dem Papier?«
Und wenn es nicht so traurig wäre, könnte man vor dem Hintergrund der gleichzeitig laufenden Debatte über eine angeblich notwendige "Modernisierung" des Arbeitszeitgesetzes anmerken - wieder einmal zeigt sich, dass die Gewerkschaftsforderung "Samstags gehört Vati mir" (so die Forderung zum Maifeiertag 1956) auch missbraucht werden kann:
»Betrogen wurde am liebsten samstags, so sehen das die Ermittler, die laut ihrer Berichte überzeugt sind, dass die „Samstagsmengen zum größten Teil nicht existente Sendungsmengen“ sind. Im Klartext: All die Millionen Briefe, die samstags angeblich eingegangen sind, gab es nur in der Phantasie der Täter. Zunutze gemacht haben sich die mutmaßlichen Täter die Personalpolitik der Post, samstags waren die einschlägigen Stellen im Briefzentrum, die hätten dazwischenhauen können, schwach oder gar nicht besetzt.«
Die Täter sollen von der privaten Konkurrenz kommen, respektive deren Subunternehmern, womöglich gab es interne Mitwisser oder Gehilfen bei der Deutschen Post. »Besonders pikant: Unter den vermeintlichen Missetätern sind auch Mitarbeiter von Firmen, an denen die Deutsche Post Anteile hält oder die ihr gar zur Gänze gehören: Tochtergesellschaft betuppt Mutterkonzern, das hätte was ... Der mutmaßliche Kopf des verbrecherischen Systems, ein gewisser Adrian L., ist breit vernetzt in der Branche, zuletzt war er bei einem privaten Briefzusteller namens Compador beschäftigt. An dem wiederum hält die Deutsche Post 26 Prozent der Anteile.«, berichtet Meck in seinem Artikel.

Georg Meck liefert uns ein paar mehr Einsichten, wie das funktionieren konnte:
»Um das Prinzip zu verstehen, ist ein Ausflug in die Tiefen des liberalisierten Briefmarktes nötig, zu den privaten Post-Konkurrenten, die laut Gesetz Zugang haben müssen zu deren Verteilernetz. Diese relativ jungen Firmen sammeln die Briefe von verschiedenen Großkunden ein (meist Betrieben und Behörden), sortieren sie, frankieren sie und bringen sie dann geballt ins Briefzentrum der Deutschen Post. Die stellt die Waren ein oder zwei Tage später zu; wozu den Privaten meist die Möglichkeiten fehlen, da sie selten die ganze Fläche bedienen ... Natürlich trägt die Deutsche Post, der ehemalige Monopolist, die Briefe der Konkurrenz nicht umsonst aus. Deren Kunden müssen genauso Marken draufkleben, 70 Cent also für den klassischen Brief. Da die „Konsolidierer“ aber massenhaft Briefe direkt zu den Postzentren karren, statt sie einzeln in den Briefkasten zu werfen, gewährt ihnen die Deutsche Post einen Mengenrabatt. Der ist genau geregelt ist: je mehr Briefe, desto mehr Rabatt. Von 70 Cent Porto erhalten die Konsolidierer genannten Lieferanten maximal 44 Prozent, also 31Cent, als Rabatt rückerstattet. Das heißt: Erfinde ich einen Brief, habe ich 31 Cent Gewinn, die mir die Post überweist – ohne dass ich nur einen Cent für Material, Briefmarke oder Sonstiges ausgeben müsste.«

Das klingt nicht nur nach einer Gelddruckmaschine, das wurde offensichtlich auch so genutzt. Es gibt natürlich auch die "ehrliche" bzw. "echte" Variante des Zusammenspiels: Für die nicht fingierten Briefe geht die Kalkulation des privaten Post-Konkurrenten in etwa so: »Die 31 Cent Rabatt vom Staatskonzern reicht er zum Teil an seine Großkunden weiter (warum sonst sollten die zum privaten Anbieter gehen?), den Rest behält er als Gewinn. Das alles, reales Geschäft wie Betrug, lohnt sich nur mit den großen Stückzahlen.«

Und wieder werden wir mit Marktformen konfrontiert und mit Wettbewerb: »Der Skandal wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, in der es auf jeden Cent ankommt, die Liberalisierung nur zäh vorankommt und der ehemalige Monopolist noch immer seine marktbeherrschende Stellung ausspielt. Die Deutsche Post hat 85 Prozent Marktanteil für den Brief bis 1000 Gramm. Um die restlichen 15 Prozent raufen sich 600 Wettbewerber, private Postdienstleister, ganz kleine unabhängige, aber auch Firmen wie Postcon, eine hundertprozentige Tochter der niederländischen Post (TNT).«

Aber nun soll ja alles besser werden. Als demnächst: »Noch mal wird so etwas nicht vorkommen, sagt nun die Deutsche Post. Vom 1. Januar an gelten neue, deutlich schärfere Regeln in den Briefzentren.« Na dann.