Freitag, 3. November 2017

Hartz war's nicht. Die Erfolgsformel für die nur geringen Auswirkungen der Großen Rezession auf den deutschen Arbeitsmarkt

Um mehr als sechs Prozentpunkte brach das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2009 während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ein. Ein heftiger Rückgang der Beschäftigung wäre zu erwarten gewesen, doch Massenentlassungen blieben aus. Was ist geschehen? Dieser Frage sind die IMK-Forscher Alexander Herzog-Stein und Fabian Lindner sowie Simon Sturn von der University of Massachusetts nachgegangen. Sie haben das, was 2008 und 2009 auf dem Arbeitsmarkt passiert ist, mit den Folgen früherer Rezessionen verglichen. Das zentrale Ergebnis: »Neben der staatlichen Kurzarbeit waren es vor allem Arbeitszeitkonten und die Reduzierung der tariflich vereinbarten Arbeitszeiten, die Jobs gerettet haben, insgesamt 1,3 Millionen Stellen«, kann man dieser Zusammenfassung entnehmen: Arbeitszeitverkürzung sicherte in letzter Krise rund 1,3 Millionen Jobs - wirtschaftlicher Einbruch zu knapp 90 Prozent abgefedert. Da hat sich massiv was verändert, wie der Rückblick zeigt: Ob nach den Ölkrisen der 1970er-Jahre oder nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende: Stets wurden – in Relation zum Rückgang der Wirtschaftsleistung – mehr Arbeitnehmer entlassen. Der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität schlug sich zu knapp 30 bis 50 Prozent in Kündigungen nieder. In der letzten Krise, der „Großen Rezession“, waren die sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung jedoch so weit ausgereift, dass in den meisten Firmen eine Krisenstrategie zum Einsatz kam, die darauf setzte, eine Zeit lang die Produktion zu drosseln, statt Beschäftigte auf die Straße zu setzen. Lediglich zwölf Prozent des Produktionsrückgangs „übersetzten sich“ diesmal in Entlassungen, so die Studie.

Holger Zschäpitz hat das in seinem Artikel Die wahre Erfolgsformel des deutschen Arbeitsmarkts aufgegriffen: »In den 1980er-Jahren vereinbarten die deutschen Tarifpartner flexible Arbeitszeitmodelle. Und die sorgten dafür, dass in der jüngsten Finanzkrise von 2009 ganze 1,3 Millionen Jobs gesichert werden konnten. Jobs, die auch heute noch den Boom in Deutschland antreiben.« Diese Entwicklung hatte also lange vor der "Agenda 2010" eingesetzt.

Obwohl 2009 die schwerste Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges markierte, stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland kaum merklich an. Von 2008 auf 2009 kletterte die Arbeitslosenquote zwar leicht von 7,6 auf 7,8 Prozent. Schon 2010 lag sie allerdings bereits wieder bei 7,1 Prozent. Andere Länder traf es weit schlimmer: In den USA stieg die Arbeitslosenquote von 5,8 (2008) auf 9,6 Prozent (2010), in Frankreich von 7,5 auf 9,4 Prozent.
Die Studie identifiziert mehrere Faktoren, die Arbeitszeiten deutlich flexibler machten:

Ein Beispiel ist das Kurzarbeitergeld. Es ermöglicht  Unternehmen, die Arbeitszeit vorübergehend zu verringern. In der "Großen Rezession" weitete die Bundesregierung die Bezugsdauer deutlich aus, von maximal 6 auf bis zu 24 Monate.

Auch Arbeitszeitkonten wurden stärker genutzt. Sie ermöglichten es Firmen in der Krise, Mitarbeiter zunächst Überstunden abbauen zu lassen, die sie zuvor angesammelt hatten. 2009 nutzten rund 50 Prozent aller Arbeiter solche Arbeitszeitkonten, zehn Jahre zuvor waren es noch nur 35 Prozent gewesen.

"Öffnungsklauseln" haben den Unternehmen geholfen. Sie ermöglichen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern, sich unter bestimmten Bedingungen auf Abweichungen von Tarifverträgen zu einigen. In den Neunzigerjahren war dieses Instrument noch selten, bei Volkswagen kam es etwa 1993 zum Einsatz bei der Einführung der Vier-Tage-Woche. 2005 nutzten es bereits 60 Prozent der Unternehmen und 75 Prozent der Beschäftigten im herstellenden Gewerbe.

2008/09 waren vor allem exportorientierte Unternehmen vom Einbruch des Welthandels betroffen - und die haben ihr Verhalten verändert, man kann auch sagen, sie haben aus den Entlassungswellen früherer Zeiten gelernt. Weil dort Mitarbeiter aber häufig besonders gut ausgebildet und neue nur mühsam auszubilden sind, verzichteten viele Firmen auf Kündigungen - und suchten lieber andere Lösungen.

Laut der Studie pufferten die flexiblen Arbeitszeitmodelle bis zu 88 Prozent der Folgen der Rezession ab, dank der besseren Zusammenarbeit von Staat, Gewerkschaften und Arbeitgebern. »Damit entpuppt sich das deutsche System der Sozialpartnerschaft einmal mehr als Wettbewerbsvorteil«, so auch Zschäpitz in seinem Artikel.

Die Studie ist in den Oxford Economic Papers veröffentlicht worden, der Zugang ist kostenpflichtig. Aber man kann auch auf eine Vorgänger-Version zurückgreifen, die bereits 2013 unter dem gleichen Titel veröffentlicht wurde, was zugleich zeigt, wie lange es dauert, bis bestimmte Dinge in den Journals aufschlagen (können):
Alexander Herzog-Stein, Fabian Lindner, Simon Sturn (2013): Explaining the German Employment Miracle in the Great Recession – The Crucial Role of Temporary Working Time Reductions. IMK Working Paper 114, Düsseldorf, June 2013