Dienstag, 28. November 2017

Die Produktivität auf dem Sinkflug!? Kein Grund zum Pessimismus, meint eine neue Studie

Das Thema Arbeitsproduktivität und deren Entwicklung spielt eine bedeutsame Rolle im volkswirtschaftlichen Diskurs. Und es strahlt aus in viele andere Bereiche, man denke hier nur an die Tarifpolitik und die darüber beeinflusste Lohnentwicklung (dazu und mehr: Arbeitsproduktivität als Fetisch einer angeblichen Leistungsgesellschaft). Und immer wieder wird auf den für einen längeren Zeitraum beobachtbaren deutlichen Rückgang der Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität hingewiesen. Das wird kritisch diskutiert:
»Productivity measures how much, on average, workers in the UK produce per hour worked. Ultimately, improvements in living standards arise as a result of productivity increases – slower productivity growth means wages will grow more slowly. It is this effect on wage growth that means lower productivity is bad news«, so Thomas Pope in diesem Beitrag am Beispiel der Diskussion in Großbritannien: It May Just Sound Like A Statistic, But Productivity Growth Matters For All Of Us. Die dort präsentierten Zahlen verdeutlichen handfest ein Problem:
»In 2008, the median worker in the UK (i.e. the person for whom half of workers earn more and half earn less) working full time had an annual salary of £24,500 in today’s prices. Today, a decade later, the median worker working full-time earns £23,000, still £1,500 below the pre-crisis level.« Und die Prognosen für eine derart desaströs Lohnentwicklung auch für die Jahre bis 2025 wird u.a. verknüpft mit der schwachen bzw. in Teilen rückläufigen Produktivitätsentwicklung.
Vor diesem Hintergrund ist so eine Nachricht von besonderem Interesse: Produktivität in Deutschland: Kein Grund für Pessimismus, berichtet das Institut für Weltwirtschaft zusammenfassend über eine neue Studie. »Das über einen längeren Zeitraum rückläufige Wachstum der Arbeitsproduktivität in Deutschland ist durch die Abfolge mehrerer, jeweils temporär wirksamer Faktoren erklärbar und nicht als Ergebnis eines dauerhaften Trends zu sehen«, kann man da lesen und das wird den einen oder anderen jetzt eher überraschen, der in den vergangenen Jahren immer wieder und in letzter Zeit auch häufiger mit der Botschaft konfrontiert wurde, dass die Entwicklung der Arbeitsproduktivität kontinuierlich und unaufhaltsam auf oder gar unter die Nulllinie fällt und fallen müsse.

In dem Gutachten des IfW Kiel im Auftrag von Bundesfinanz- und Bundeswirtschaftsministerium werden für den Zeitraum seit der Wiedervereinigung fünf Hauptgründe ausgemacht, die den Pro­duktivitätsfortschritt in verschiedenen Phasen gedämpft haben.

Zu den Motiven der Auftraggeber erfahren wir: »Auffällig ist insbesondere, dass sich die Dynamik der Stundenproduktivität nach den kräftigen Zuwachsraten in den 1990er Jahren seit der Jahrtausendwende spürbar verlangsamte. Insbesondere schien es zunächst so, als ob das Produktivitätswachstum nach der Überwindung der Weltfinanzkrise in den ersten Jahren des laufenden Jahrzehnts nahezu zum Erliegen kam. Dies hatte die Bundesministerien veranlasst, die Gründe für diese Entwicklung wissenschaftlich untersuchen zu lassen.«

Und welche fünf Faktoren hat nun die neue Studie identifiziert? Genannt werden
  • der Aufholprozess nach der deutschen Wiedervereinigung, 
  • ein im internationalen Vergleich schwaches Ausmaß der Digitalisierung, 
  • die demografische Entwicklung, 
  • der sektorale Strukturwandel 
  • und das deutsche „Arbeits­marktwunder“.
Zur demografischen Entwicklung erfahren wir beispielsweise: Die Veränderungen in der Alterszusammensetzung der Erwerbsbevölkerung haben auf den Produktivitätsfortschritt in den 1990er Jahren fördernd, in den frühen 2000er Jahren hingegen dämpfend gewirkt.

Und mit Blick auf die vieldiskutierte Lohnentwicklung in Deutschland konstatieren die IfW-Wissenschaftler:
»Besonders stark hat der Studie zufolge die nach der Jahrtausendwende einsetzende Lohnzurückhal­tung und die dadurch ermöglichte hohe Beschäftigungsdynamik zu rückläufigen Zuwächsen der Produktivität beigetragen. Gleichzeitig ist aber die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken. „Die Lohnzurückhaltung im Zusammenspiel mit den Arbeitsmarktreformen der frühen 2000er Jahre hat die Effekte der vorangegangenen Entlassungsproduktivität wieder rückgängig gemacht.« 
Fazit der Studie: »Im Ergebnis lässt sich der seit der Wiedervereinigung rückläufige Produktivitätsfortschritt auf ein Zusammenspiel multipler und im Zeitverlauf unterschiedlich bedeutsamer Faktoren zurückführen. Das Gutachten gibt deshalb Entwarnung mit Blick auf eine befürchtete dauerhafte Produktivitätsschwäche in Deutschland. „Es gibt keinen Anlass für einen säkularen Produktivitätspessimismus. Den Abgesang auf den Produktivitätsfortschritt, der zuweilen zu hören war, können wir nicht nachvollziehen“,« wird mit Stefan Kooths einer der Autoren der Studie zitiert.
Untermauert werde das angeblich durch die jüngste Entwicklung: »Nach Datenrevisionen der Statistikämter und neu hinzugekommenen Beobachtungen weisen die Produktivitätszuwächse bereits seit mehreren Jahren wieder nach oben.«

Wer sich die Studie im Original anschauen möchte, wird hier fündig:
Martin Ademmer et al. (2017): Produktivität in Deutschland – Messbarkeit und Entwicklung. Kieler Beiträge zur Wirtschaftspolitik Nr. 12, Kiel: Institut für Weltwirtschaft (IfW), November 2017