Sonntag, 31. Dezember 2017

Der Bitcoin-Kurs spielt weiter Auf und Ab. Aber die Daumenschrauben werden angezogen

Offensichtlich will der Bitcoin-Kurs (noch?) nicht abstürzen, wie es einige pessimistische Auguren vorausgesagt haben - obgleich die Kursentwicklung gerade in den letzten Tagen des Jahres 2017 als Bestätigung für dieses Lager gelesen werden konnte, denn allein in den Tagen vom 16. bis zum 24.12.2017 hatte die bekannteste unter den Kryptowährungen 27 Prozent an Wert verloren (vgl. dazu auch den Beitrag Bitcoin zwischen ganz anderer Absicht, der Hype-Story des Jahres 2017 und vielen mehr als berechtigten offenen Fragen vom 24.12.2017). Aber im Endspurt zum Jahreswechsel hat sich der Kurs gefangen und wieder Aufwärtsbewegungen erkennen lassen. Dennoch haben viele die Mahnungen von etablierter Finanz-Seite in den Ohren. Dazu beispielsweise das Interview  mit Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, unter der Überschrift "Risiko rasanter Verluste". Seine Einschätzung lautet so: »Bitcoin weist hohe Wertschwankungen auf, nicht nur im Vergleich zum Euro oder US-Dollar. Zur Wertaufbewahrung eignet es sich deshalb nicht. Das teure und ineffiziente Übertragungssystem spricht zudem gegen die Eignung als Zahlungsmittel ... Wir sehen eine rasante Wertentwicklung, die das Risiko rasanten Verlustes birgt.
Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung sollte man weniger Spekulationen folgen, die ein Interesse am Anheizen der Blase haben (beispielsweise „2018 sehen wir den Höchststand bei 60.000 Dollar“), sondern man muss sich mit solchen Meldungen auseinandersetzen: Krypto-Währung: Bitcoins in China unter Druck: »Riesige Rechenleistungen generieren Bitcoins und sichern die nötige Infrastruktur. China will das energieintensive Geschäft eindämmen.«
Und wir sprechen hier nicht etwa von möglichen Interventionen, sondern von handfesten Einschränkungen:
»Chinas Bitcoin-Szene versinkt in depressiver Stimmung. Im September hat die Regierung bereits Handelsplätze für die neuen Währungen verboten und damit die private Nutzung zurückgedrängt. Jetzt geraten auch die sogenannten Miner unter Druck, jenes Volk von gewinnorientierten Enthusiasten, die dem System die Rechenleistung starker Computer zur Verfügung stellen und dafür Coins als Belohnung erhalten. „Die Party ist vorbei“, sagte Bobby Lee, der Chef der nun geschlossenen Bitcoin-Börse BTCC ... „Virtuelle Währungen sind ein Instrument krimineller Aktivitäten“, behauptete die National Internet Finance Association of China, die von der Zentralbank des Landes kontrolliert wird. Auf Druck von oben hin hat sich auch der Internetkonzern Baidu wieder von Bitcoin als Zahlungsoption verabschiedet. Damit ist China innerhalb weniger Monate vom Krypto-Vorreiter zum Regulierungs-Vorreiter geworden.«
Allerdings ist das nicht so einfach wie man vielleicht denkt: Seit die Regierung die offiziellen Börsen geschlossen hat, boomt der direkte Handel der Nutzer untereinander. Die größte Gefahr für die Bitcoin-Miner in China droht derzeit von den Energiekonzernen des Landes. Die sorgen sich um den hohen Strombedarf für das Mining. »Das Mining verbraucht viel Strom. Täglich gehen dafür rund 90 Millionen Kilowattstunden drauf. Eine einzige Überweisung verbraucht so viel Strom wie ein deutscher Zweipersonenhaushalt in rund einem Monat.«

Falls der eine oder andere mit dieser Vergleichsrechnung nichts anfangen kann, hier eine andere Übersetzung: »Mittlerweile verbraucht Bitcoin 0,13% des weltweiten Strombedarfs – das ist mehr als etwa ganz Irland verbraucht«, so Marc van der Chijs in seinem Artikel Was hinter dem Bitcoin-Fieber steckt. Er bezieht sich hierbei auf den Artikel Stromfresser Bitcoin von Joachim Wille, der am 2. Dezember 2017 veröffentlicht wurde. Dort findet man diese Erläuterung:
»Seit Anfang November veröffentlicht die Bitcoin-Informationsplattform „Digiconomist“ einen speziellen Index, der den Stromverbrauch des Netzwerks inklusive der Abspaltung Bitcoin Cash täglich darstellt – den „Bitcoin Energy Consumption Index“. Danach werden aufs Jahr hochgerechnet inzwischen über 30 Terawattstunden benötigt. Das entspricht bereits rund 0,14 Prozent des weltweiten Elektrizitätskonsums, wie die Plattform vorrechnet, oder der Produktion von zwei bis drei großen Kohle- oder Atomkraftwerken ... Würde man das Bitcoin-System als Staat betrachten, läge es bereits auf Platz 61 beim internationalen Energiebedarf, hat kürzlich das britische Strompreis-Vergleichsportal „Power Compare“ ausgerechnet. Stiege der Verbrauch weiter wie bisher, könnte danach im nächsten Oktober bereits das Niveau der Elektrizitätsproduktion des Industrielands Großbritannien und im Laufe des Jahres 2019 sogar das der USA erreicht werden – eine aberwitzige Vorstellung.«
Man muss das vor dem Hintergrund sehen,  dass derzeit (noch) 80 Prozent der Rechenleistung für Bitcoin in China zur Verfügung steht.

Mit immer neuen Regulationen versucht die chinesische Regierung das Spekulationsgeschäft einzudämmen – aber auch Felix Lee meint in seinem Artikel China hemmt den Bitcoin-Handel: mit nur mäßigem Erfolg. Das Tückische an dem Bitcoin-System: »Je mehr Rechenleistung zur Verfügung steht, sprich je mehr Leute daran teilnehmen, desto schwerer wird das Mining. Ein Rüstungswettlauf um die leistungsfähigsten Prozessoren setzt ein – was entsprechend noch mehr Strom abverlangt ... Die meisten Bitcoin-Minen entstanden in China wegen der niedrigen Stromkosten. Die Betreiber solcher Minen operierten vor allem in der Nähe von grossen Wasserkraftwerken im Westen und im Südwesten des Landes, wo es viele Staudämme gibt, oder in Regionen mit viel Kohleabbau, also in Zentralchina. Die meisten Miner arbeiteten in diesen Gegenden mit den örtlichen Energieversorgern eng zusammen. Es wird vermutet, dass diese an dem Geschäft kräftig mitverdienten.«
Mitte November hat der staatseigene Energieversorger in der südwestchinesischen Provinz Sichuan verfügt, dass Minern der Strom gedrosselt wird. Man wird abwarten müssen, was das in den kommenden Monaten für die Bitcoin-Entwicklung bedeuten wird.

Auch in anderen Ländern gibt es zunehmend Bewegung in Richtung auf eine Begrenzung dessen, was mit Bitcoin (und anderen Kryptowärungen) verbunden ist. Vgl. dazu die Übersicht von Peter Mühlbauer Wie Länder auf Bitcoin und andere Kryptowährungen reagieren. Teil 1: Die USA, Asien und Russland sowie Bitcoin: Staatliche Alternativen, Trittbrettfahrer und der Stromverbrauch. Wie Länder auf Kryptowährungen reagieren - Teil 2.

Angekommen ist das Thema Bitcoin (und andere Kryptowährungen) auch im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs. Vgl. hierzu beispielsweise diese Aufsatzsammlung:
Carl-Ludwig Thiele et al. (2017): Kryptowährung Bitcoin: Währungswettbewerb oder Spekulationsobjekt: Welche Konsequenzen sind für das aktuelle Geldsystem zu erwarten?, in: ifo Schnelldienst, Heft 22/2017 
»Anfänglich übersehen und belächelt hat mittlerweile nicht nur das öffentliche Interesse an den Kryptowährungen deutlich zugenommen. Dabei handelt es sich um verschlüsselte und dezentral gespeicherte Datenprotokolle. Sie werden ohne Einflussnahme einer staatlichen Zentralbank produziert, zwischen Zahlungssender und -empfänger übermittelt und lassen sich als Zahlungsmittel einsetzen. Inwieweit substituiert dies die Nachfrage nach Zentralbankgeld? Kann die Stabilität der Zahlungs- und Verrechnungssysteme weiterhin gewährleistet werden? Welche Rückwirkungen auf die Wirkungsweise und die Ausgestaltung der Geldpolitik sind bei zunehmender Bedeutung der Kryptowährungen zu erwarten? Nach Ansicht von Carl-Ludwig Thiele und Martin Diehl, Deutsche Bundesbank, sind die gegenwärtigen virtuellen Währungen, wie z.B. Bitcoin, gemessen an den realen Währungen zumindest in Ländern mit einer stabilitätsorientierten Geldpolitik bislang quantitativ unbedeutend und eher als Spekulationsobjekte anzusehen. Bitcoin erfülle bislang keine der drei Geldfunktionen im ökonomisch relevanten Maße, weil es nicht über eine Nische hinausreiche und extrem wertinstabil sei. Zudem dürften in einer dynamischen Welt starre Algorithmen für die Entwicklung der Geldmenge zu einer suboptimalen Geldmenge führen. Deshalb bestehe die Notwendigkeit einer aktiven Geldpolitik durch eine unabhängige und stabilitätsorientierte Notenbank. Thomas Mayer, Flossbach von Storch Research Institute, sieht als das Bedeutsame an Bitcoin weniger die Währung selbst als vielmehr die hinter dieser Währung stehende Technik. Durch computergestützte Verschlüsselungstechnik könne die Eigentumsübertragung der Währung lückenlos vom Zeitpunkt ihrer Schaffung an dokumentiert werden. Ob sich Bitcoin oder eine andere oder mehrere Kryptowährungen am Markt schließlich durchsetzen werden, sei zwar nicht vorherzusagen, aber Kryptowährungen würden auf Grundlage der Blockchain-Technologie unser Geldsystem verändern. Für Dirk Elsner und Gerrit Pecksen, DZ BANK, sind Kryptowährungen »noch nicht reif für eine weitreichende Umsetzung«. Zwar sei das Interesse an der Verwendung von Kryptowährungen auch in der Finanzwelt stark gestiegen, die bislang erkennbaren Auswirkungen auf das Zahlungs- und Geldsystem seien aber minimal. In letzter Zeit zeichne sich jedoch sowohl in Forschungspapieren als auch in ersten Anwendungsfällen ein hohes Potenzial ab. Volker Brühl, Goethe-Universität Frankfurt, ist der Meinung, dass für Bitcoin und andere Kryptowährungen eine konsequente Regulierung und Aufsicht dringend geboten seien. Eine Gefahr sehen sie darin, dass sich angesichts der Kursentwicklung inzwischen auch vermehrt Privatanleger für Kryptowährungen interessieren. Unerfahrene Anleger ließen sich von dem Begriff »Währung« täuschen. Es wäre daher zu begrüßen, wenn sich die europäischen und nationalen Aufsichtsbehörden nicht nur im Hinblick auf die Vermeidung von Geldwäsche, sondern auch unter dem Gesichtspunkt des Anlegerschutzes verstärkt mit dem Thema Kryptowährungen befassen würden. Jochen Michaelis, Universität Kassel, weiß sich mit der Zunft der monetären Ökonomen einig: Der Bitcoin werde den US-Dollar, den Euro, das britische Pfund etc. als dominierendes Zahlungsmittel nicht verdrängen, und zwar aus mehreren Gründen: Der Bitcoin sei ein Asset mit derzeit extrem hoher erwarteter Rendite, aber auch mit extrem hohem Risiko. Die Opportunitätskosten in Form entgangener Wertsteigerungen »verbieten« die Verwendung als Tauschmittel, und die hohe Volatilität mache wertstabile Vermögenstransfers von heute nach morgen und übermorgen praktisch unmöglich. Zudem seien Währungen ein Netzwerkgut. Trotz des jüngsten Hypes um den Bitcoin sei die Zahl der Bitcoin-Nutzer nach wie vor weit unterhalb der kritischen Masse, deren Überspringen für eine Verdrängung der etablierten Währungen notwendig sei. Und als dritter Punkt sei die Fixierung des Bitcoin-Geldangebots bei langfristig 21 Mio. Einheiten genannt.«

Man kann das natürlich auch kurz und bündig so wie Paul De Grauwe sehen: Bitcoin ist eine Währung der Vergangenheit, und nicht der Zukunft: »Der Bitcoin-Preis wird auch durch den Glauben angetrieben, dass die Kryptowährungen das Geld der Zukunft sind. Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein – tatsächlich ist Bitcoin eine archaische Währung, die für die moderne Weltwirtschaft unpassend und gefährlich ist.«