Sonntag, 24. Dezember 2017

Bitcoin zwischen ganz anderer Absicht, der Hype-Story des Jahres 2017 und vielen mehr als berechtigten offenen Fragen

Bitcoin - die waren und sind seit einigen Monaten sicher das Thema nicht nur für nerdige Börsenfreaks, sondern der gesellschaftlichen Mitte, die den atemberaubenden Kursanstieg in den vergangenen Wochen zur Kenntnis genommen hat und auch gerne profitieren möchte von dem, was das abgeht.
Am 25. Dezember 2016, also vor fast genau einem Jahr, notierte der Bitcoin-Kurs bei 894 US-Dollar. Im Laufe des nun auslaufenden Jahres 2017 explodierte der Kurs auf mehr als 19.000 US-Dollar in der (bisherigen) Spitze, die am 16. Dezember erreicht wurde - seit Jahresbeginn ist der Kurs auf das 19fache angestiegen. Seitdem geht es wieder kräftig nach unten, in den Tagen seit dem 16. Dezember hat der Bitcoin-Kurs 27 Prozent an Wert verloren.
Am 11. November 2017 wurde hier in einem Hintergrund-Beitrag diese Frage aufgeworfen: Von der Königin der Kryptowährungen zur profanen Tulpenzwiebel oder: Bitcoin, am Ende doch nur eine spekulative Erscheinung? In diesem Beitrag wurde auch die höchst interessante Entstehungsgeschichte der Kryptowährung Bitcoin skizziert. Daraus sollte man sich zwei Aspekte ganz besonders in Erinnerung rufen, die den Grundcharakter von Bitcoin beschreiben: Zum einen ging es dem oder den heute immer noch unbekannten Bitcoin-Schöpfer um nichts weniger als eine grundlegende Alternative zum bestehenden Geldsystem (vgl. dazu den programmatischen Text von Satoshi Nakamoto: Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System, October 2008). Und vom ursprünglichen Anspruch her sollte ein alternativer Zahlungsverkehr etabliert werden - unter Ausschaltung der ansonsten dazwischengeschalteten Institutionen wie Banken oder der Aufsicht und Steuerung durch Zentralbanken: »With e-currency based on cryptographic proof, without the need to trust a third party middleman, money can be secure and transactions effortless.« (Satoshi Nakamoto: Bitcoin open source implementation of P2P currency, 11.02.2009). Man muss sich in Erinnerung rufen, dass der Bitcoin-Ansatz entstanden ist in den Untiefen der weltweiten und absolut desaströsen Finanzkrise, in der Billionen an Dollar und anderen "Fiat-Währungen" einfach vernichtet worden sind. In diesem Kontext wollte man eine Alternative erschaffen - und der Kern der Bitcoin-Idee ist die "peer-to-peer"-Komponente, also ein direkter Zahlungsverkehr ohne die Notwendigkeit, beispielsweise Banken einschalten und/oder sich einem Kontroll- und Steuerungsregime der Zentralbanken unterwerfen zu müssen.

Doch die Diskussion über Bitcoin wird gerade nicht (mehr) von diesen grundsätzlichen Zielen bestimmt, sondern sie ist (zumindest in der öffentlichen Berichterstattung) fast ausschließlich getrieben von der Kursexplosion der vergangenen Monate. Mittlerweile geht es nicht mehr nur steil aufwärts, sondern auch wieder nach unten, vgl. dazu die Abbildung am Anfang dieses Beitrags. Ganz offensichtlich haben wir es mit erheblicher spekulativer Energie zu tun.
Im Windschatten von Bitcoin haben auch etliche andere "Altcoins", wie dessen Pendants genannt werden, fulminant zugelegt. Insgesamt gibt es laut coinmarketcap.com bereits mehr als 1.300 dieser Kryptowährungen im Gesamtwert von rund einer halben Billion Dollar, wovon allein rund 285 Milliarden auf den Branchenprimus Bitcoin entfallen.
Und eine neue Entwicklungsstufe wurde dadurch erreicht, dass seit kurzem nun auch die Spekulation mit Bitcoin-Produkten an etablierten Börsen ermöglicht wird: Bitcoin wurde von der US-Terminbörse CBOE, einer der weltweit größten, gewissermaßen zu einer neuen Assetklasse wie Rohstoffe oder klassische Währungen geadelt. Geschehen ist dies durch die Handelsaufnahme mit Terminkontrakten auf die Kryptowährung. Mit Futures können auch institutionelle Investoren im größeren Stil auf den Kursverlauf wetten, ohne Bitcoin tatsächlich zu besitzen – denn bei den CBOE-Futures ist keine Bitcoin-Lieferung vorgesehen, die Abrechnung erfolgt stattdessen in Dollar. Dazu dieser Artikel: Bitcoin fasst in Finanzwelt Fuß: Immer mehr Börsen planen Terminhandel. Dort kommen skeptische Stimmen zu Wort:
»Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg sieht Bitcoin mit der Handelsaufnahme von Futures an einem kritischen Punkt, denn: "Mit dem Future haben künftig beispielsweise Hedgefonds die Möglichkeit, in großem Stil auf einen Wertverfall beim Bitcoin zu wetten." Mehr als Fluch denn als Segen empfindet Dave Kanzler vom Analysehaus Investment Research Dynamics den Handel mit Bitcoin-Futures. Das Haar in der Suppe: Theoretisch kann dadurch eine unbegrenzte Menge an Bitcoin-Produkten auf Dollar-Basis in Umlauf kommen. "So viel zur Vorstellung, dass die Bitcoin-Menge fest begrenzt ist", kritisiert Kanzler im "Crypto Research Report" des Vermögensverwalters Incrementum. Derzeit sind 16,7 Millionen Bitcoin in Umlauf, durch das Schürfen neuer Einheiten steigt die Anzahl kontinuierlich bis zur absoluten Obergrenze von 21 Millionen Bitcoin.«
Aber es gibt auch andere Stimmen: Da die Kontrakte in Dollar abgerechnet werden, dürften diese auf lange Sicht nur geringe bis keine Auswirkungen auf den Bitcoin-Kurs haben.

Hinsichtlich einer möglichen Bitcoin-Wertuntergrenze präsentiert James Butterfill, Chefanalyst bei ETF Securities, indem er die Produktionskosten der Kryptowährung wie bei Rohstoffen als langfristige Untergrenze der Wertentwicklung heranzieht:
»Den finanziellen Aufwand für das Bitcoin-Schürfen definiert er mit dem Stromverbrauch, welcher jenem von 600.000 Haushalten entspreche, zuzüglich der Kosten für Hardware-Anschaffungen. Demnach liegen die Grenzkosten, also der Aufwand zur Schaffung eines zusätzlichen Bitcoins, derzeit bloß bei rund 4300 Dollar – und damit meilenweit unter dem aktuellen Kurs. Da sich der Stromverbrauch für Bitcoin-Mining künftig deutlich erhöhen werde und und sich die Vergütung in Bitcoin für dessen Schürfen bis Anfang 2020 halbieren werde, sieht er die Grenzkosten dann bei etwa 16.000 Dollar, was schon eher dem heutigen Preisniveau nahekommt.«
Allein diese wenigen Ausführungen verdeutlichen bereits das Problem, dass man sehr tief einsteigen muss, wenn man sich wirklich mit Bitcoin und vor allem mit der dahinter stehenden Blockchain-Technologie beschäftigen will (oder muss). Das wird auch beispielsweise in diesem Experten-Gespräch deutlich:
SWR: Goldrausch digital: Wie revolutionär ist der Bitcoin? (14.12.2017): Es diskutieren: Friedemann Brenneis - Journalist, Leipzig, Prof. Dr. Philipp Sandner - Frankfurt School of Finance & Management, Shermin Voshmgir - Blockchain-Hub, Berlin
Wer sich über die weit über Bitcoin hinausgehende Blockchain-Technologie informieren will, findet zahlreiches und hilfreiches Material auf der Seite www.blockchainhub.net. Zu Shermin Voshmgir vom Blockchain-Hub Berlin vgl. auch bereits diesen Artikel aus dem Jahr 2016: Shermin Voshmgir: Die virtuelle Nomadin: »Luftschloss oder Quantensprung? Die Wiener Informatikerin Shermin Voshmgir setzt auf eine neue Software-Technologie, um Bankgeschäfte und Bürokratie zu revolutionieren.«

Das geht wie gesagt weit über Bitcoin und vor allem den gegenwärtigen Hype hinaus. Dazu Pepe Egger in seinem Artikel Digitaler Goldrausch: »Der Bitcoin war einmal eine fortschrittliche Idee. Aktuell steht er nur für die nächste Blase, die platzen wird.« Auf alle Fälle hat die gegenwärtige alles andere überlagernde spekulative Entwicklung beim Bitcoin eine offensichtliche Folge - die ursprünglich so zentrale Idee eines alternativen Zahlungsverkehrs wird ad absurdum geführt: Wer mit Bitcoin zahlt, ist dumm, so Stephan Kaufmann. Er erinnert an den ursprünglichen Anspruch: »Auf die Welt gebracht wurden Bitcoins als Alternative zu Dollar, Euro und Yen. In den Hochzeiten der vergangenen Finanzkrise schien das globale System zu kollabieren, Staaten häuften Schulden an, Banken wackelten, Zentralbanken pumpten Milliarden ins System, man fürchtete eine Hyperinflation. Das Misstrauen in die gängigen Papierwährungen lenkte den Blick auf das digitale Geld, das durch ausgefeilte Technik für geschäftliche Transaktionen genutzt werden kann – ein Zahlungssystem ohne spekulierende Banken, kontrollierende Staaten und Geld druckende Zentralbanken. Bitcoin versprach Stabilität und Anonymität.« Aber genau das wird durch die aktuelle Entwicklung verunmöglicht:
»Denn je höher der Bitcoin steigt, umso weniger kann er die Funktion erfüllen, für die er ursprünglich erfunden wurde: Geld zu sein ... Das Problem des Bitcoin ist nun, dass seine Funktion als Spekulationsvehikel seiner Eignung als Zahlungsmittel diametral zuwiderläuft. Wollte Bitcoin tatsächlich als Geld dienen, so müsste es stabil sein.«
Wer würde heute eine Tasse Kaffee in Bitcoin bezahlen, wenn die Aufwertung dazu führt, dass man morgen fürs gleiche Geld zwei Tassen bekommt und in einem Jahr 10 Tassen? Ergänzend der Artikel Bitcoin: I'm a Cryptoloser, Baby von Eike Kühl: »Bitcoin ist nicht nur ein Erfolg, sondern vor allem eine Geschichte von Verlusten. Fragen Sie mal die Menschen, die vor Jahren Hunderte Bitcoin für Pizza ausgaben.«
 Gibt es mit Blick auf die Zahlungsfunktionalität Alternativen zu Bitcoin? Dazu Stephan Kaufmann:  »Andere Digitalgelder versuchen, das Schicksal des Bitcoin als Spekulationsobjekt zu vermeiden. Tether zum Beispiel ist fest an den Dollar gekoppelt. Basecoin will seine Stabilität dadurch sicherstellen, dass im Falle von Aufwertungen stets neue Basecoins ausgegeben werden, im Abwärtstrend werden Basecoins verknappt. Derartige Konzepte machen allerdings deutlich: Stabilität gewinnen die Kryptogelder nur, indem sie sich an Dollar, Euro oder Yen anlehnen – eben an echtes Geld.«

Und auch vor einer Seite wird die Bitcoin-Entwicklung kritisiert, an die viele sicher nicht sofort denken würden: Sahra Wagenknecht und Fabio De Masi von den Linken haben sich mit diesem Gastbeitrag im Handelsblatt zu Wort gemeldet: Eine Gefahr für Anleger und die Finanzstabilität.

Es bleibt spannend.