Freitag, 8. Dezember 2017

Die Rechnung kommt bis zum nächsten Fest. Die Paketdienste vor dem Kollaps und die Frage nach dem Preis für die Last

Das Geschäft brummt gerade in diesen Tagen - und erneut verzeichnen die Paketdienste Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich. Kollaps der Paketdienste: Der tägliche Kampf mit 15 Millionen Sendungen, so ist beispielsweise einer der vielen Artikel überschrieben: »Auf Deutschlands Straßen sind die Zustellerfahrzeuge von Post DHL, Hermes, UPS und Co. nicht zu übersehen. Oft in zweiter Reihe geparkt, nicht selten den Verkehr behindernd, liefern sie dank des Erfolgs von Amazon, Zalando und anderen in den Wochen vor Weihnachten so viele Pakete aus wie noch nie. Doch die Schattenseiten des Einkaufens im Internet werden immer deutlicher. Schon warnen erste Stimmen vor einem „Paketkollaps oder „Verkehrsinfarkt“.« Der Bundesverband Paket & Expresslogistik (BIEK) rechnet damit, dass bis zu 30 Millionen Pakete mehr an der Haustür abgegeben werden als vor einem Jahr. 15 Millionen Sendungen sollen es an einem Spitzentag werden. Bereits für das erste Halbjahr 2017 wird über ein Anstieg der Paketsendungen von 6,6 Prozent berichtet. Und weiter: »Die Zustellung an den Endkunden steigt dabei in der Weihnachtszeit um bis zu 30 Mio. Sendungen auf knapp 290 Mio. B2C-Sendungen verglichen mit dem Vorjahr. Zu Spitzenzeiten werden dabei deutlich mehr als 15 Mio. Sendungen an einem einzigen Tag in den Netzen der Unternehmen befördert. Um dieses Sendungsvolumen zu bewältigen, werden in dieser Weihnachtszeit etwa 25.000 zusätzliche Zusteller bei den Unternehmen beschäftigt.«
An dieser Stelle muss man die These von einem Paketkollaps mit Blick auf die Verkehrssituation ergänzen um die von einem parallelen "Beschäftigtenkollaps", was durchaus in einem doppelten Sinne zu verstehen ist. Denn zum einen gibt es immer mehr Berichte über die teilweise unfassbar schlechten Arbeitsbedingungen der Paketzusteller und selbst die "normal" Beschäftigten klagen über eine permanente Erhöhung des Arbeitsdrucks. Zum anderen - und damit zusammenhängend - gelingt es im Kontext der enormen Wachstumsraten den Unternehmen der Branche immer schlechter, überhaupt irgendwelche Arbeitskräfte für die Tätigkeiten in der Zustellung zu gewinnen.
Was tun? »Händeringend suchen die Branche und die Kommunen inzwischen nach Lösungen. Alexander Handschuh vom Deutschen Städte- und Gemeindebund etwa fordert: «Wir brauchen eine Lösung, die die Zustellung bündelt und die sowohl die Wohngebiete als auch die Innenstädte vom Lieferverkehr entlastet.» Die Idee: Die Lieferanten wie Amazon oder Zalando sollen ihre Pakete zunächst an ein allen Anbietern zugängliches Lager am Stadtrand bringen. Von dort sollen die Pakete dann gebündelt zugestellt werden, so dass nicht mehr Laster von Post, Hermes, DPD und UPS nacheinander dieselbe Straße ansteuern«, berichtet die FAZ.
Aber: »Auf Zustimmung stößt die Forderung nach einer gebündelten Zustellung allerdings bislang vor allem beim Marktführer Deutschen Post DHL. Die Konkurrenten wollen davon nichts wissen.«

Die Branche experimentiert mit Drohnen und Lieferrobotern. Doch wirklich vielversprechend wirkt das alles bisher nicht. Der Präsident des Bundesverbandes Onlinehandel, Oliver Prothmann, wird mit diesen Worten zitiert: «In Zukunft kann nicht mehr im gleichen Umfang an die Haustür geliefert werden.»
Flankenschutz bekommt er dabei von Hermes-Geschäftsführer Frank Rausch, der überzeugt ist, dass das Abholen von Sendungen beim Paketshop oder Paketkasten in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Und der Geschäftsführer des Paketdienstes DPD, Boris Winkelmann: «In der Zukunft könnte es so kommen, dass die Paketdienste standardmäßig an den Paketshop liefern». Die Lieferung nach Hause müsse dann extra bezahlt werden. Damit sind wir im Kernbereich dessen angekommen, was für die vor uns liegende Zeit zu erwarten sein wird.

Dazu auch dieser Artikel: Deutschland im Pakete-Frust: »Anbieter kommen mit den Lieferungen kaum noch hinterher und denken deshalb über neue Gebühren nach. Die Zustellung nach Hause könnte etwa teurer werden als eine Lieferung in den Paketshop.« „In der Zukunft könnte es so kommen, dass die Paketdienste standardmäßig an den Paketshop liefern und die Lieferung zur Haustür dann zum Beispiel 50 Cent extra kostet“, wird Boris Winkelmann, Geschäftsführer des Paketdienstes DPD, in diesem Artikel der WirtschaftsWoche zitiert: Lieferung an die Haustür wird teurer und seltener.
»Hermes fordert gemeinschaftliche Paketshops von allen Anbietern in den Innenstädten. „Was wir dringend brauchen, sind große Paketshops oder Mikrodepots in den urbanen Räumen, die alle Paketdienste nutzen können“, forderte Hermes-Geschäftsführer Rausch gegenüber der WirtschaftsWoche. Eine wettbewerbsübergreifende Kooperation zwischen den Anbietern sei „durchaus denkbar“.«

Apropos Hermes: »Hermes erwartet in diesem Jahr das mengenstärkste Weihnachtsgeschäft seiner Geschichte. Das Unternehmen liefert nach Angaben eines Sprechers in der Weihnachtszeit an den dichtesten Tagen rund 2,2 Millionen Pakete in Deutschland aus - deutlich mehr als an durchschnittlichen Tagen. Das Unternehmen will deshalb mit den Händlern erstmals Obergrenzen aushandeln, über die hinaus das Unternehmen keine weiteren Pakete zur Sendung annimmt«, kann man diesem Artikel entnehmen: Paketdienste wollen extra Geld für Lieferungen bis Haustür. Und nicht nur Obergrenzen: »Hermes will neben den Obergrenzen ... im kommenden Jahr deshalb auch die Preise für die Empfänger anheben.«

Was werden die Kunden erwarten müssen? Neben höheren Preisen für die bislang gewohnte Zustellung nach Hause wird der Trend zu einer Zentralisierung in Form von Abholstationen und damit letztendlich eine Verlagerung der letzten Meile auf die Kunden selbst allein schon deshalb unausweichlich sein, weil man damit zum einen das "Beschäftigtenproblem" abmildern kann, zum anderen aber auch, weil sich eine wesentliche Voraussetzung für das bisherige System der Zustellung immer mehr verflüchtigt - also das Antreffen der Kunden zu Hause aufgrund der Tatsache, dass die meisten Menschen tagsüber unterwegs sind.