Mittwoch, 3. Januar 2018

Eigentlich läuft doch alles. Oder doch nicht? Der weite Blick am Jahresanfang auf das globale Wirtschaft- und Finanzsystem

Der Jahresanfang ist ja immer die Zeit, in der die großen Bestandsaufnahmen und/oder Vorhersagen, was auf uns (oder andere) zukommen wird. Ein Beispiel aus dieser Rubrik wäre der Beitrag 2018 - Die Welt am Tropf der Zentralbanken von Ernst Wolff. Das ist nichts für sensible Gemüter: »Wir leben in einem durch Geldschöpfung und Zinssenkung künstlich angetriebenen und aufgeblähten System.«
Eigentlich möchte man das, was er auch zitiert, zur Kenntnis und zur Beruhigung nehmen: »Die Wirtschaft wächst, die Aktienmärkte verzeichnen Rekordstände, die Arbeitslosenzahlen sinken und die Industrie zeigt ein seit langem nicht gesehenes Maß an Optimismus.« Aber dann kommt es doch wieder dicke: »Zugleich erstickt die Welt unter der höchsten Schuldenlast ihrer Geschichte, krankt an der größten sozialen Ungleichheit und wird von höheren Risiken als vor der Krise von 2007/2008 bedroht.«
Seiner Meinung nach leben wir in einer Ausnahmesituation, »die die Welt so noch nicht gesehen hat: Das globale Wirtschafts- und Finanzsystem ist seit 2008 klinisch tot. Es funktioniert nur noch, weil es wie ein Patient auf der Intensivstation künstlich am Leben erhalten wird, und zwar durch die Zentralbanken.« In Zahlen ausgedrückt: »Seit dem Beinahe-Zusammenbruch von 2008 haben die größten Zentralbanken der Welt zwischen 14 und 16 Billionen US-Dollar ins globale Finanzsystem gepumpt und fast siebenhundert Mal die Zinsen gesenkt. Der größte Teil dieses "billigen" Geldes ist in die Finanzspekulation geflossen und hat so für eine historisch nie dagewesene Verzerrung der Märkte gesorgt.«

Das hat problematische Folgen: »Konnte man früher davon ausgehen, dass Aktienkurse etwas über die Gesundheit eines Unternehmens aussagen, so ist es damit vorbei: Großkonzerne in aller Welt haben das billige Geld genutzt, um eigene Aktien zurückzukaufen und deren Kurse künstlich in die Höhe zu treiben. Sagten früher die Kosten und Zinserträge von Staatsanleihen etwas über die wirtschaftliche und finanzielle Stärke eines Landes aus, so gehört auch das der Vergangenheit an: Die Zentralbanken haben ganze Länder vor dem Bankrott gerettet, indem sie deren Anleihen zu überhöhten Preisen aufgekauft und durch künstlich geschaffene Nachfrage Märkte erzeugt haben, wo es eigentlich keine mehr gab.« Das ist aber nach Wolff noch nicht alles:
»Inzwischen greifen die Zentralbanken auch direkt in die Aktienmärkte ein und sorgen dafür, dass sogar ins Schlingern geratene Unternehmen über Wasser gehalten und andere weit über ihrem tatsächlichen Wert gehandelt werden. Die Schweizer Nationalbank (SNB) zum Beispiel ist inzwischen Großaktionär bei Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook und hält zur Jahreswende 2017/2018 US-Aktien im Wert von 91 Milliarden Dollar. Nur zur Erinnerung: Die SNB kann das Geld, mit dem sie Aktien kauft, selber schaffen ... «
Wir leben also in einem durch Geldschöpfung und Zinssenkung künstlich angetriebenen und aufgeblähten System. Aber: Das Geld, das die Zentralbanken schöpfen, wird nicht verschenkt, sondern muss zurückgezahlt werden. Es erhöht also stetig den globalen Schuldenberg.

Um die Bedienung dieser Schulden zu erleichtern, gibt es nur ein bewährtes Mittel: das Anheizen der Inflation, so Wolff. Um die zu erreichen, braucht man genau die Mittel, die seit 2008 angewandt wurden: Geldschöpfung und Zinssenkung.

Wenn nun aber die Zentralbanken von vielen Seiten aufgefordert werden, endlich von ihrer Politik des billigen Geldes zu lassen und auf die alten Pfade der Tugend zurückzukehren, dann kommt man möglicherweise in Teufels Küche: Wenn sie diesen Weg zurück einschlagen, dann kommt ihnen der größte Schuldenberg in der Geschichte in die Quere. Den Schuldenberg zu ignorieren, »hätte den Bankrott zahlloser Schuldner zur Folge, würde riesige Löcher in die Kassen der Gläubiger reißen und das System in die nächste, möglicherweise noch schwerere Krise als 2007/2008 stürzen.«

Und dann greift auch Wolff zu dem Bild von dem Drogenabhängigen, das man öfter in der geldpolitischen Diskussion finden kann: »Das globale Finanzsystem gleicht einem Suchtkranken, der auf Grund von Drogeninjektionen immer wieder kurze Aufschwungphasen erlebt, dessen Organe aber von Mal zu Mal stärker geschädigt werden und die irgendwann - ohne Vorankündigung - ihren Dienst versagen werden.«

Der Beitrag von Wolff endet in einem Albtraum: »Nach Niedrig- und Nullzinsen bleiben nur noch Negativzinsen - und damit die Zerstörung des klassischen Bankgeschäftes, nämlich der Kreditvergabe - und nach der Flut neu geschaffenen Geldes bleibt nur die Schaffung von noch mehr Geld - und damit der direkte Weg in die Hyperinflation.«

Da ist sie wieder, die Angst vor der Hyperinflation durch die Geldpolitik der letzten Jahre, die schon vor Jahren vorhergesagt wurde.

Die Ausführungen von Wolff werden nicht wenige frustriert haben und man wird fragen, wie denn die Profis aus dem System die Situation einschätzen. Nehmen wir dieses prominente Beispiel: Mohamed El-Erian ist der Spitzendiplomat der internationalen Finanzmärkte. Seine Ansichten zum Geschehen an den Weltbörsen genießen in der Investmentbranche großes Gewicht. Hoch geschätzt wird er auch in Washington, wo er bis Anfang 2017 dem globalen Entwicklungsrat von Präsident Barack Obama vorstand.
Seine berufliche Laufbahn begann der Sohn eines ägyptischen Diplomaten beim Internationalen Währungsfonds, wonach er beim Broker Salomon Smith Barney in London arbeitete und später das Stiftungsvermögen der Universität Harvard verwaltete. Von 2007 bis 2014 leitete er das operative Geschäft des US-Bondriesen Pimco, der zur Allianz-Gruppe gehört.

Der Chefökonom der deutschen Allianz-Gruppe kennt sich in den globalen Finanzmärkten bestens aus. Mit diesem Mann aus dem Herzen des Finanzsystems wurde ein Interview geführt und die "Finanz und Wirtschaft" hat das veröffentlicht: El-Erian: «Wir nähern uns einem Schicksalsmoment». Schon wieder so ein dicker Titel, aber schauen wir genauer hin:
El-Erian hat bereits Anfang 2009 massgeblich den Begriff des «New Normal» geprägt, eines neuen Wirtschaftsumfelds mit schwachem Wachstum und historisch tiefen Zinsen. Jetzt glaubt er, diese Phase sei vorbei. Aber was kommt dann? Er ist insofern diplomatischer als Wolff, als dass er nicht eine Version in die Welt setzt, sondern auf Nummer sicher zu gehen versucht, in dem er ein positives und eine negatives Szenario zur Diskussion stellt: ,
El-Erian sieht die Welt mit einem «extrem guten» oder einem «extrem schlechten» Szenario konfrontiert: Fundamentale Veränderungen in Wirtschaft und Politik führen entweder zu einem kräftigen Boom oder zu erneuten Verwerfungen an den Märkten.

Entweder beginnt eine Phase mit robustem und sozial breit abgestütztem Wachstum, oder es kommt zu einer Rezession mit erneuten Verwerfungen an den Finanzmärkten - und die Wahrscheinlichkeiten für das eine und das andere Szenario seien ungefähr gleich verteilt, so El-Erian. Das hilft uns jetzt nicht wirklich weiter.

Interessant ist seine Sichtweise auf die EU uns insbesondere auf die Eurozone. Bekanntlich ist ja eine Menge Rauch in der europäischen Hütte, aber er sieht dennoch auch die Chance, eine neue Vision für die EU zu entwickeln. Welche Maßnahmen man dafür braucht?
»Strukturelle Reformen, dauerhafte Lösungen für überschuldete Staaten wie Griechenland und vor allem mehr Koordination. Die Eurozone ist wie ein Stuhl mit vier Beinen, wobei nur anderthalb Beine komplett sind. Der vollständige Pfeiler ist die Währungsunion und der halbe die unvollkommene Bankenunion. Die anderen zwei Stützen fehlen: die politische Integration und gemeinsame Regeln, was Steuern und Staatsausgaben betrifft.«
Wir wollen an dieser Stelle nicht wirklich weiter darüber diskutieren, wie unwahrscheinlich ein solcher Weg derzeit erscheint.

Auch zu den Zentralbanken sagt er etwas - sie könnten durch ein Missgeschick in der Geldpolitik einen Absturz an den Börsen auslösen. Und die Wahrscheinlichkeit dafür ist durchaus nicht gering anzusetzen:
»Die meisten Ökonomen geben zu, dass sie heute über drei zentrale Bereiche in der Wirtschaft weniger Bescheid wissen denn je: Produktivität, Lohnentwicklung und Inflation. Mit diesem hohen Grad an Unsicherheit ist die Gefahr beträchtlich, dass die Zentralbanken einen Fehler begehen.«
Auch er sieht einen Punkt, der bei Wolff eine große Rolle gespielt hat: »Die entscheidende Frage ist daher, ob die Weltwirtschaft es verkraften kann, wenn nicht nur das Fed, sondern bis zu vier systemrelevante Zentralbanken gleichzeitig versuchen, die Geldpolitik zu normalisieren.« Eine Antwort bekommen wir von ihm nicht.

Man sieht wie gewohnt: Eine Menge offene Fragen und derzeit sehr durchwachsene bis negative Gefühle. Aber das Jahr ist eben noch jung.

Foto: Pixabay