Mittwoch, 10. Januar 2018

Vergesst Bitcoin? Schon wieder diese "Kryptowährungen" oder das, was (noch) unter diesem Etikett segelt, aber schon längst auf der anderen Seite ist

Fast jeder Deutsche hat schon einmal etwas von der Kryptowährung Bitcoin gehört. Die dahinter steckende Technologie Blockchain beflügelt Visionäre, Ökonomen und Unternehmer auf der ganzen Welt. Sie glauben, dass die Blockchain-Technologie unser Leben in Zukunft radikal verändert. Damit beschäftigt sich eine Hintergrund-Sendung des Deutschlandfunks, die am 6. Januar 2018 ausgestrahlt wurde: Risiko, Rendite, Revolution: Wie die Blockchain-Technologie die Welt verändert. Darüber wird an allen Fronten berichtet und das allein trägt gewisse Früchte. Allein die Erwähnung des Namens Blockchain kann sich für ein Unternehmen so richtig auszahlen: Kurse explodieren: Immer mehr Firmen wollen "krypto" sein, so hat Kai Stoppel seinen Artikel überschrieben. » Vor Weihnachten verzückte das Getränke-Unternehmen Long Island Iced Tea Anleger mit seiner überraschenden Namensänderung in Long Blockchain - und der Ankündigung, in diese neue Technologie investieren zu wollen. Der Aktienkurs verdreifachte sich sofort.«

Dazu auch dieser Artikel: 500 Prozent plus durch Namensänderung in Long Blockchain. Allerdings sollte man dann auch das zur Kenntnis nehmen:
»Die bisherigen Errungenschaften des Unternehmens im Blockchain-Bereich beschränken sich allerdings auf die Reservierung der Domain www.longblockchain.com sowie einem Antrag beim Börsenbetreiber Nasdaq für ein neues Ticker-Symbol. Ansonsten befinde man sich bei der Evaluation von Geschäftsmöglichkeiten im Bereich der Blockchain-Technologie in einem frühen Stadium, hieß es in einer Unternehmensmitteilung. Das bisherige Getränkegeschäft soll als hundertprozentige Tochterfirma weitergeführt werden«, wie man dem Artikel Aus „Long Island Iced Tea“ wird „Long Blockchain“ – und die Aktie explodiert um 500 Prozent entnehmen kann. Allerdings weist Kai Stoppel darauf hin: »Bei näherer Betrachtung könnte der Fall von Long Island Iced Tea zumindest stutzig machen. Über Jahre hinweg kämpfte der Produzent von Säften, Limonaden und Eistees mit Verlusten. Der Aktienkurs geriet immer weiter unter Druck. Im vergangenen Oktober schließlich drohte der Verlust der Notierung an der US-Börse Nasdaq, weil der Marktwert unter 35 Millionen Dollar gesunken war. Wenige Wochen später änderte das Unternehmen seinen Namen. Bei einem Marktwert von mittlerweile wieder mehr als 50 Millionen Dollar, muss es sich um die Nasdaq-Notierung vorerst nicht mehr sorgen.«
Und  Kai Stoppel berichtet von weiteren Unternehmensbeispielen:
  • Line. Der japanische Betreiber einer Messaging App will Kryptowährungen auf seiner Plattform integrieren. Die Aktie steigt um bis zu 13 Prozent.
  • Chanticleer Holdings. Der Burger-Restaurant-Betreiber plant einen eigenen Digital-Coin für ein Kunden-Treueprogramm. Der Kurs der an der Nasdaq gehandelten Aktie schießt um 50 Prozent nach oben.
  • Riot Blockchain. Das Unternehmen ändert seinen Namen von Bioptix in Riot Blockchain. Der Kurs der Aktie verdreifacht sich in der Folge.
  • Digital Power. Der Anbieter von Netzteilen für medizinische und andere Geräte steigt in das Geschäft des "Schürfens" von Kryptowährungen ein. Kursveränderung: plus 625 Prozent. 
Und jetzt auch noch Kodak: Das Unternehmen löste mit der Ankündigung eines eigenen KodakCoins einen Run auf seine Papiere aus. Diese gingen am selben Tag 120 Prozent höher aus dem Handel. »Im Zuge der Bitcoin-Kursrally geben sich Firmen plötzlich Namen wie Crypto Company, Nodechain oder Blockchain Group. Was genau sie mit Digitalwährungen zu tun haben, ist mitunter schwer zu erkennen.«
Aber im Fall von Kodak sei die Einführung der Blockchain-Technologie durchaus sinnvoll, so werden Experten zitiert. "Die Fotografie-Branche ist reif für einen neuen Ansatz, Inhalte zu verwalten und zu vermarkten." Zum Fall Kodak vgl. auch diesen Beitrag: Kodak kündigt eigene Kryptowährung an: »Der Hype um Digitalwährungen nimmt kein Ende. Die Aussicht auf eine Kryptowährung macht jetzt sogar das abgehalfterte Foto-Urgestein Kodak wieder an der Börse attraktiv. US-Starinvestor Warren Buffett indes warnt vor einem Bitcoin-Crash.«

Aber verlassen wir diese Ebene und rufen uns in Erinnerung, dass bislang alle Welt vor allem von Bitcoin gesprochen hat (hinter der die Blockchain-Technologie steht). Warum dann die Überschrift "Vergesst Bitcoin", wenn auch mit einem heutzutage und gerade in diesem Fall besonders empfehlenswerten Fragezeichen.

»Neuer Rekord: Ethereum (mit der Währung Ether) knackt erstmals die 1000-Dollar-Marke. Der Bitcoin-Konkurrent wird bei Investoren immer beliebter. Was die Kryptowährung heraushebt: Sie kann auch in traditionellen Firmen eingesetzt werden«, kann man dem Artikel Ethereum knackt die 1000-Dollar-Marke von Frank Wiebe entnehmen. Und auch die Konkurrenz von Ripple mit der Währung XRP befindet sich im Höhenflug.

Eindrucksvoll ist die Marktkapitalisierung der beiden wichtigsten Konkurrenten der Bitcoins: Ethereum kommt auf rund 100 Milliarden Dollar. Und Ripple erreicht etwa den Bereich von 140 Milliarden Dollar – was gut 100 Milliarden weniger ist als der Bitcoin, aber allmählich doch in einer ähnlichen Liga mitspielt. Das gesamte Reich der Kryptowährungen ist laut der Brancheseite Coinmarketcap aktuell fast 770 Milliarden Dollar wert – und damit deutlich mehr als zum Höhepunkt des Bitcoin-Fiebers. Das zeigt: Trotz der kurzfristigen Schwäche beim Kurs der wichtigsten Digitalwährung geht der Krypto-Hype insgesamt ungebremst weiter.

Ethereum und Ripple unterscheiden sich in vielen Punkten. Aber sie haben drei entscheidende Merkmale gemeinsam, die sie vom Urahnen Bitcoin abheben, so Frank Wiebe:

(1) Die erste Gemeinsamkeit: Beide Systeme könnten für Unternehmen sehr interessant werden. Für Ethereum gilt das, weil die zugehörige Software weitaus komplexer ist als die der Bitcoin-Blockchain. Der Clou bei dieser Krypto-Währung ist nicht, dass man damit bezahlen kann. Sondern, dass sich ganze Wirtschaftsbeziehungen mit sogenannten Smart Contracts bilden lassen. Diese Contracts sind „Verträge“, die sich automatisch erfüllen. So kann etwa bei Lieferung einer Ware automatisch eine Zahlung ausgelöst werden.
Bisher werden diese Instrumente vor allem im Krypto-Reich selber eingesetzt: Neue Unternehmen, die manchmal kaum mehr als vage Ideen zu bieten haben, sammeln durch so genannte Initial Coin Offerings (ICO) Geld ein und geben dafür Anteile, Stimmrechte oder bloße virtuelle Spendenbescheinigungen aus. Diese ICOs ähneln Börsengängen, und sie werden oft auf Basis von Ethereum programmiert.  Ripple war sogar von Anfang nicht als Alternative zum traditionellen Banksystem gedacht, sondern als Dienstleister dafür.

(2) Die zweite Gemeinsamkeit: Ethereum und Ripple sind bis zu einem gewissen Grad zentral organisiert, was Entscheidungen und Weiterentwicklungen erleichtert. Zwar ist die Software im Grundsatz für jeden zugänglich. Aber bei Ethereum übernehmen der Vordenker Vitalik Buterin und die entsprechende Stiftung in der Schweiz eine gewisse Koordination, bei Ripple ist es das Unternehmen Ripple-Lab.

(3) Die dritte Gemeinsamkeit: Ripple kommt schon seit Anbeginn ohne den unsinnigen Energieverbrauch aus, der ein großes Manko bei Bitcoins ist. Bei Ethereum, letztlich einer technischen Abspaltung vom Bitcoin, ist das zwar nicht der Fall. Aber von Anfang und bis heute gibt es dort zumindest das Ziel, eine neue technische Lösung zur Konsensbildung aller Beteiligten zu entwickeln, die voraussichtlich weniger Energie verbraucht.

Ripple ist der neue Star unter den digitalen Währungen - dazu der Beitrag Eine Kryptowährung als Wall-Street-Partner von Astrid Dörner. 

Das Start-up setzt anders als viele andere auf eine enge Kooperation mit den Finanzinstituten. 

XRP hebt sich deutlich vom Bitcoin und anderen Kryptowährungen ab. Während der Bitcoin als Reaktion auf die Finanzkrise 2008 geschaffen wurde und die Ambition hat, Banken eines Tages überflüssig zu machen, positioniert sich Ripple als Partner der Wall Street. Mehr als 100 Finanzinstitute sind laut Ripple bereits Kunden. Die Blockchain des kalifornischen Start-ups wird speziell für den internationalen Zahlungsverkehr genutzt und ist deutlich schneller und günstiger als der Bitcoin.
Beispiel: Im November hatten der Kreditkartenanbieter American Express und die spanische Bank Santander eine Kooperation vereinbart, um die Ripple-Blockchain zu nutzen. So können Geschäftskunden von American Express in den USA Geld via Ripple zu Santander-Konten in Großbritannien überweisen. Wenn das gut funktioniert, könnte sich Santander auch vorstellen, das System auf andere Länder in der Welt auszuweiten.
Banken in Japan und Südkorea testen ebenfalls die Blockchain des Unternehmens. Auch Unicredit, UBS und die deutsche Reisebank gehören zu den Kunden, genauso wie die schwedische SEB Bank.

Bislang dauern internationale Überweisungen oft mehrere Tage und gehen über sogenannte Korrespondenzbanken. In einigen Ländern müssen Finanzinstitute die jeweilige Währung auf speziellen Konten vorrätig haben, um Transaktionen zu ermöglichen. Die Softwareprogramme des 2012 gegründeten Start-ups setzten auf der bestehenden Infrastruktur der Banken auf. Wenn zum Beispiel Dollar in Euro getauscht werden, wechselt Ripple den Dollar-Betrag für kurze Zeit in XRP und dann von XRP in Euro. Finanzinstitute müssen dafür die digitale Währung nicht unbedingt selbst halten.

Hier zeigt sich auch der zentrale Vorteil von Ripple gegenüber Bitcoin: deutlich geringere Transaktionskosten

Wenn man wirklich großen Erfolg haben, dann muss man sich Leute aus dem Innersten des bestehenden Systems holen. Das kann man beim Fall Ripple wie in einem Lehrbuch studieren:
»Das Krypto-Start-up ist in der neuen und alten Finanzwelt bestens vernetzt. Um die Aufsichtsbehörden auf seiner Seite zu haben, hat sich Ripple prominente Experten in den Verwaltungsrat geholt. Gene Sperling, der frühere Wirtschaftsberater der demokratischen US-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton, gehört ebenso zu Ripples Beratern wie Ben Lawsky. Der frühere Leiter der New Yorker Bankenaufsicht hat eine Lizenz für digitale Währungen für den Bundesstaat New York entwickelt und hat nun, nachdem er aus dem Amt ausgeschieden ist, seine eigene Beratungsfirma gegründet.
Ripple hat auch prominente Finanzinvestoren für sich gewinnen können. Der deutschstämmige Investor Peter Thiel, der auch in großem Stil in Bitcoins investiert ist, zählt zu den frühen Geldgebern. Auch Google Ventures und Andreessen Horowitz gehören zu den Investoren.«
Wo man richtig Geld machen kann, da sind die anderen nicht weit: »Konkurrenz droht pikanterweise von einer Organisation, die einen Mitgründer mit Ripple teilt. Jeb McCaleb hat Ripple mit gegründet, schied jedoch 2013 aus. Ein Jahr später gründete er das Bezahlnetzwerk Stellar, das als Stiftung organisiert ist und den internationalen Zahlungsverkehr schneller und günstiger machen will. Die dazugehörige Kryptowährung heisst Lumen und ist in den vergangenen Wochen ebenfalls rapide angestiegen. Allein seit dem ersten Januar hat sich der Preis für einen Lumen auf 83 Cent mehr als verdoppelt.«

Erleben wir gerade im unüberschaubaren Reich der Kryptowährung mit Bitcoin (noch) an der Spitze einen Paradigmenwechsel? Dafür findet man durchaus Argumente:

Ripple ist anders als der Bitcoin keine echte Kryptowährung. Denn im Unterschied zu virtuellen Währungen wie Bitcoin, die ohne Zentralbanken und Staaten auskommen, arbeitet Ripple eng mit großen Banken zusammen. 

Mit der Technologie können - grob vereinfacht erklärt - Banken schneller und günstiger Geld zwischen Ländern hin- und herschicken. Wenn zum Beispiel Dollar in Yen getauscht werden, wechselt Ripple den Dollar-Betrag in die hauseigene Kryptowährung XRP und dann von XRP in Yen. Bislang nutzen Banken für internationale Zahlungstransfers immer noch separate Konten in den jeweiligen Ländern, in denen sie aktiv sind. Das ist aufwendig und kostet viel Geld.

Ripple dient also dazu, ein Zahlungsnetzwerk zu unterstützen, ist aber nicht als eigene Währung gedacht, mit der man in Zukunft im Alltag bezahlen soll. Im Gegensatz zum Bitcoin ist Ripple damit kein Frontalangriff auf das traditionelle Finanzsystem, sondern eher eine Ergänzung, so Henning Jauernig in seinem Artikel Was hinter dem Bitcoin-Rivalen Ripple steckt.

Sollte sich wieder einmal bestätigen, dass der Kapitalismus durch die Kolonialisierung aller Gegenentwürfe letztlich unangefochten auf dem Schlachtfeld zurückbleibt? Und die Abweichler entweder ausschließt - oder aber sich der ursprünglichen Gegner dadurch zu entledigen versucht, dass  man sie aufsaugt in das bestehende System.